Dank "so viel los" nach der Buchmesse und dem LPT-Schock wurde es ein bisschen später als geplant. Verzeiht mir bitte! Jetzt aber wirklich: Band 2 erscheint Ende Oktober. Hier sind ein paar Auszüge aus den 464 Seiten, Schnipsel, sogar halbe Kapitel :-) 

Worum geht's? 

 

 

Mary liebt Nick. Nick liebt Mary.

Nick ist der mit der hässlichen Vergangenheit, aber Mary hat den komplizierteren Charakter.

Sie kann Nick kaum verzeihen, dass er vor vielen Jahren ihre Polizeikarriere um ein Haar zerstört hätte.

Und Nick macht es ihr noch schwerer, obwohl er längst ahnt, dass sie das Einzige ist, was für ihn wichtig ist.

Doch das Schicksal hat seine eigenen Pläne. Als Mary sich endlich eingesteht, dass nichts außer Nick zählt, passiert ein entsetzliches, folgenschweres Verbrechen.

 

Nick überlebt. Doch wie soll er mit den Folgen der Schießerei fertig werden? Auch Mary ist traumatisiert, und das Koma hat Nick verändert. Als Nick Polizeichef von Beaver Lake wird, tun sich neue Probleme auf. Mary muss nicht nur um ihren Traumberuf bangen, sondern auch um ihre große Liebe. Sie wagt alles – und greift zu drastischen Maßnahmen. Dabei setzt sie ihr Glück aufs Spiel. 

 

Viele Jahre später erzählt die gealterte Mary dem abgestumpften Journalisten John nicht nur ihre berührende Liebesgeschichte, sondern berichtet auch von einem besonderen Polizeihund, einer englischen Haushälterin und der furchtbaren Tat einer Nebenbuhlerin.

Und von einem Kind.

 

Der zweite Teil der bewegenden Story offenbart John ein Vermächtnis, um das er kämpft wie ein Löwe - weil es ihm die Hoffnung auf privates Glück zurückgibt.

Bei dem vorliegenden Roman handelt es sich um Band 2 einer Serie. Zum Verständnis der Begebenheiten empfiehlt es sich, Band 1 zu kennen. 


Über die Freiheit und ihren Nutzen

 

Das Licht fiel in schrägen, goldenen Streifen durch die Fenster, als Nick in die Küche schlenderte, mit verlegenen Augen, den verletzten Arm schützend an die noch nicht wieder voll belastbaren Rippen gelegt. Silk trottete neben ihm her.

 Mary hielt in ihrer Beschäftigung inne und lächelte ihm entgegen. »Hi.« Er erwiderte das Lächeln und umarmte sie, strich ihr über den Rücken. Sie erschauerte leicht, aus einer Empfindung puren Glücks, dass er da war.

Aber er sah müde aus, erschöpft. Sie schob ihn zu einem der Stühle.

  Er ließ es sich gefallen, auch, dass sie Kaffee und Gebäck vor ihn hinstellte – aber dann beschloss er, den Spieß umzudrehen.

 »So, meine Liebe«, fing er an, »reden wir mal über dich. Dr. Rosenfeld gebrauchte, glaube ich, den Begriff ›Zusammenbruch‹. Was hat es damit auf sich? Warum hast du mir nichts davon gesagt?«

   Sie warf ihm einen blitzschnellen Blick zu und sah dann weg. Ihre Hände arbeiteten fieberhaft. »Mit so etwas wie Diskretion nimmt man es in diesem Krankenhaus wohl nicht so genau?«

 Er ließ sich nicht beirren. »Und Peter erwähnte etwas Ähnliches. Eine Begegnung in der Stadt.«

 »Ach wirklich«, entgegnete sie schwach und konzentrierte sich beharrlich auf das Gemüse unter ihren Händen. »Daran sieht man, dass er dein Freund ist, nicht meiner.«

 Er stand auf, nahm ihr das Messer aus der Hand und legte es weg. 

»Man muss körperlich, emotional und intellektuell zueinander passen, um langfristig zusammenbleiben zu können«, sagte er. Sie konnte nichts tun, als ihn stumm ansehen und abwarten. »Das tun wir, Mary.«

  Sie stieß den Atem aus, sich nicht bewusst, dass sie ihn angehalten hatte. Er sprach weiter. »Und darüber hinaus – wir werden aufeinander acht geben. Wir haben Furchtbares miteinander erlebt, aber auch den Himmel auf Erden. Eigentlich bin ich gerade der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich brauche dich. Ich werde nicht zulassen, dass du dich meinetwegen zugrunde richtest.«

  »Aber das mache ich nicht«, brachte sie heraus. Worauf wollte er bloß hinaus?

Er beachtete ihren Einwand gar nicht. »Du musst mir solche Dinge sagen, Mary. Ich merke, dass etwas nicht stimmt, aber habe keine Ahnung, was los ist. Das macht mich nicht gerade zuversichtlicher. Oder sicherer.«

     

Er half ihr mit der Zubereitung des Essens, und sobald es im Ofen vor sich hin schmorte, gingen sie mit den Hunden durch Marys Garten. Nick bückte sich ein paarmal, um für Silkie Stöcke zu werfen, und obwohl sein Wurfarm gesund war, merkte er nach fünf Durchgängen, dass es ihn schwindlig machte. Er überspielte die Schwäche.

   Auf dem Rückweg musste er sich an der Veranda abstützen, und an der Tür zur Küche taumelte er leicht.

Mary sah ihn scharf an und legte ihren Arm um seine Taille. »Pause«, sagte sie sanft.

   »Herrje, das waren zwanzig Minuten da draußen!«

»Offenbar waren es mindestens zehn zuviel.« Sie sah ihm fest in die Augen.

   Er war genervt.

Nach dem Abendessen sah sie, dass er Schwierigkeiten beim Aufstehen hatte. »Was machst du? Heldenhaft sein? Sei nicht so ungeduldig«, sagte Mary. »Es ist erst sechs Wochen her.«

    »Ach, zum Teufel«, sagte Nick.

»Kann ich etwas für dich tun?«

    »Du tust doch schon«, knurrte er.

»Noch was anderes?« Sie würde um jeden Preis ruhig bleiben.

   »Nein. Lass mich einfach nur bei dir sein.«

»Hast du Schmerzen?«

    »Geht.«

»Das sehe ich.« 

 Er sah an ihr vorbei an die Wand. »Ich war im Krieg schmerzmittelabhängig«, stieß er hervor, »und ich werde nicht wieder an diesen Punkt kommen.«

  Sie hob die Brauen und tat, als wäre sie nicht schockiert. 


Glenna Hughes Howard war eine große Frau mit silbernem Haar, das einmal die Farbe von Ebenholz gehabt hatte, und einem wachen Blick aus dunklen Augen. Im nächsten Monat würde sie achtzig Jahre alt werden. Offenbar befand sie sich trotz gewisser Alterszipperlein bei bester Gesundheit, was Nick glücklich machte. Sie ging mit den eckigen Bewegungen, die Menschen mit künstlichen Hüftgelenken oft zu eigen ist, bestand aber darauf, Kaffee, Tee und Kuchen selbst zu servieren.

    Ihr Händedruck war fest. 

»Wie ich höre, wollen Sie meinen Jungen heiraten«, eröffnete sie das Gespräch, und Mary wurde schlagartig ihre Nervosität bewusst. »Ja«, sagte sie, »das würde ich wirklich gern tun.«  Derart prüfende Blicke hatte sie zuletzt beim Bewerbungsgespräch für den Polizeidienst erdulden müssen, aber sie hielt tapfer stand. Nick nahm ihre Hand und drückte sie.

  »Und warum, junge Frau?«

...

Es kam ihr so vor, als ob in diesem Raum besondere Regeln galten, Regeln einer vollendeten Erziehung, und sie fühlte sich mit ihren amerikanischen Sitten unangemessen lässig, grob und unelegant.

»Sie müssen nicht nervös sein, meine Liebe. Nick hält Sie für etwas Besonderes, und wer wäre ich, um ihm zu widersprechen.«

    Mary wollte in diesem Moment nur eines: Dass Glenna sie ebenfalls für etwas Besonderes hielt, jemanden, der ihrer Geschichte würdig war und der es verdiente, dass man ihm Sympathie und Aufmerksamkeit entgegenbrachte.

Jemand, der Nick würdig war.

 ...

»Glenna, ich möchte nicht neugierig sein oder Ihre Zeit über Gebühr beanspruchen. Ich fürchte, die Sache mit der Zeitung hat etwas aufgeweckt. Und vielleicht bin ich nicht die Richtige, um dieses Wissen mit ihm zu teilen.«

   »Nein«, widersprach die alte Dame und verschränkte ihre schlanken Hände, »das ist nicht der Fall. Es wurde Zeit, dass er seinen Kummer mit jemandem teilt. Man darf solche Dinge nicht in sich verschließen. Er ist ein lieber Junge, aber er musste zu schnell erwachsen werden. Und Sie sind sicherlich die Richtige.« Um dies zu wissen, hatte sie Nick nur in die Augen sehen müssen, als er Mary erwähnte. »Und was Zeit anbelangt«, fügte sie hinzu, »davon habe ich wirklich genug.«

Sie beugte sich vor und klopfte mit der Hand auf das Sofa. »Bitte setzen Sie sich zu mir, meine Liebe. Ich möchte Ihnen ins Gesicht sehen können, wenn wir zusammen die Vergangenheit bereisen.«

 Mary nahm Platz und beobachtete verstohlen, wie die alte Dame sich kurz besann. Über ihre Züge glitt eine Vielfalt an Emotionen.

 »1952 bin ich in den Dienst des alten Earls eingetreten. Am sechsten Februar wurde Elizabeth II. Königin von England, und das war mein erster Arbeitstag in Deerham Hall.«

Ihre Hände rieben über das Gewebe ihrer Hose. »Am Tag zuvor war ich vierzehn Jahre alt geworden. Meine Eltern und Geschwister waren im Bombenhagel von Manchester, kurz vor Weihnachten 1940, umgekommen. Als Vollwaise kam ich in eines der staatlichen Kinderheime, und lassen Sie mich Ihnen sagen, Mary, es waren wahrlich Dickens’sche Verhältnisse in diesen Tagen. Mit vierzehn waren die Mädchen arbeitsfähig und wurde aus der Fürsorge entlassen. Man fand eine Stelle als Küchenmädchen für mich.

So kam ich nach Ellisdale. Es ist ein kleiner Ort in der Nähe von Copeland, in der Grafschaft Cumbria, die damals noch Northumberland hieß. Deerham Hall war das schönste Haus, dass ich je im Leben gesehen hatte. Ich finde noch heute, dass es das schönste Haus der Welt ist. Trotz allem.«

 Glenna stellte ihre Teetasse auf der polierten Oberfläche des Chippendale-Tisches ab. Sie schlug das quadratische Album auf. Pergamentpapier knisterte, und auf dunkler Pappe erschienen sepiafarbene Bilder mit gewelltem Zierrand.

    Mary tauchte ein in die Geschichte dieser alten Frau, als sie sich gespannt über die Seiten beugte. 

 (...)

 »Hinter dem Haus, zur Küste hin, waren Knotengärten aus Buchs, und überall gab es Beete mit Rosen und Efeu. Das Haus hatte damals vierzig Zimmer auf zwei Stockwerken, und ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich mich anfangs verlief und Schelte erhielt, weil ich nicht rechtzeitig mit meiner Arbeit fertig wurde.«

 Ihre Stimme nahm einen verträumten Tonfall an, und Mary sah über alle Maßen fasziniert in das Gesicht der Frau mit dem gesunden Menschenverstand, die sich, von einfacher Herkunft und als Kind ihrer Zeit von mangelnder Bildung, ihr Leben erkämpft hatte und alles andere als unbelesen war.

 »Als ich ankam, war der Earl, Nicks Vater, ein sechsjähriges, tyrannisches Kind. Ein älterer Bruder war im Krieg gefallen, mehrere Geschwister an den Krankheiten dieser Zeit gestorben. Nur George war noch übrig, und alle scharwenzelten und buckelten um ihn herum. Ich glaube nicht, dass ihm jemals jemand etwas verweigert hat, und wir Dienstboten natürlich schon gar nicht. Als der alte Earl – Nicks Großvater – bei einem Jagdunfall starb, erbte George den Titel und schlug sofort völlig über die Stränge.

 Als Nick zur Welt kam, war sein Vater fast sechsundzwanzig und ein Bild von einem Mann, gutaussehend, elegant, sportlich. Aber leider hatte man der Bildung seines Charakters nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. George stellte allen nach, die nicht bei drei auf dem Baum waren, und machte keinen Unterschied zwischen schönen Frauen und ebensolchen Männern. Bescheidenheit und Nachsicht waren ihm fremd.

 Er heiratete Miss Cordelia Abbott, die zweite Tochter einer reichen Familie aus dem schottischen Grenzland, und so kam frisches Blut in die Familie. Und frisches Geld, was bei solchen Verbindungen niemals unwesentlich ist. Die Ehe mit Cordelia war arrangiert. Sie wurde von der alten Lady vorangetrieben, um dem Gerede im County über das Gebaren von George ein Ende zu machen.«

 

Glenna untermalte ihren Bericht, indem sie durch das Album blätterte. Mary sah vor dem Haus aufgereihte Dienstboten, Pferde und Hundemeuten, faszinierende Autos und imposante Männer in Jagdkleidung, mit Gewehren und Trophäen, und gelegentlich Frauen, die sich mit Teegesellschaften und Verrichtungen an Blumengebinden dezent im Hintergrund positionierten. Sie erzählte von silbernen Teegeschirren und feinem Wedgewood-Porzellan, von einer Bibliothek voller Bücher und aufwendigen Abendgesellschaften im Überfluss der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts.

  »Cordelia war zu jung und zu gut erzogen, um ihm die Stirn zu bieten – abgesehen davon, dass es zu dieser Zeit so etwas gar nicht gab. Die Frauen von Deerham Hall zeichneten sich durch beständige Unpässlichkeit und wenig Interesse an anderen Menschen aus. Eigentlich kein Wunder, dass den Männern der Sinn nach gesunden und willigen Geliebten stand, nach etwas Handfestem; Frauen, die womöglich gelegentlich lachten, Tennis spielten oder tanzten.   


Nick riss schwungvoll die Tür auf. Er hatte einen ölverschmierten Lappen über der Schulter und rieb sich die Hände daran ab.

   Er lächelte erfreut.

»Hugh. Was für eine Überraschung! Wolltest wohl mal sehen, wie wir uns hier eingerichtet haben? Mary ist noch nicht da, aber sie muss jeden Moment –«

 

Er verstummte.

Seit wann kam Hugh in Uniform?

Sah er nicht betreten aus?

Warum schien er nicht zu wissen, wohin mit seinen Händen?

 

»Nick«, sagt Hugh.

Er spricht seinen Namen in einer Weise aus, als könne man die Silbe teilen, und die letzten beiden Buchstaben bilden gegenüber den beiden ersten ein hinterhertändelndes Anhängsel.

 Mary.

                 Ist.

                               Noch.

                                               Nicht.

                                                               Da.

Für Mary war Dienstschluss eher etwas Fließendes, so, wie sie auch sonst selten Grenzen respektierte, und doch ... Nick lehnt sich gegen den Türrahmen, mit schmalen Augen und, plötzlich, unsicheren Beinen. »Hugh, was willst du mir sagen?«

  »Duke«, sagt Hugh, »wollen wir nicht reingehen? Können wir uns … setzen?«

 »Nein«, sagt Nick. Sein Blick irrt durch die warme Luft, die um Hughs Gestalt herumflirrt, an einem strahlenden Sommernachmittag, an dem keinesfalls irgendjemandem, den man liebt, irgendetwas zustoßen konnte. »Sag es. Hier. Jetzt.«

    »Es hat –«.

Nick hat Hugh noch nie stotternd zu Boden blickend gesehen, und jäh empfindet er eine Todesangst.

    »Es hat einen Unfall gegeben.«


Im nächsten Augenblick waren seine Finger auf dem Button neben ihrem Namen, und zehn endlose Sekunden darauf drang ihre Stimme an sein Ohr. »Hi! Kannst du nicht schlafen?« Sie klang munter und fröhlich. Nachts um drei. Er zitterte am ganzen Körper, aber er merkte, dass ihm ein Stein vom Herzen fiel.

   »Nein, ich – Mary.«

Oh Mary, Mary, Mary.

Sein Mund war trocken. Er schluckte, und seine Kehle fühlte sich an wie Reibpapier.

Sie war schon misstrauisch. »Nick, alles in Ordnung?«

   »Ja. Ja. Alles gut.« Er wollte lachen, aber es wurde zu etwas anderem. Er hielt das Telefon von Mund und Ohr weg und legte die Hand über die Augen, die er zusammenkneifen musste.

  Als er wieder atmen konnte, sagte er: »Ich wollte nur deine Stimme hören.«

Wenn er verlegen geklungen hätte oder so, wie man klingt, wenn man ein Lächeln unterdrückt – »Nicky. Ist wirklich alles in Ordnung?«

   »Nein«, sagte er. 

Mary saß stocksteif an ihrem Schreibtisch. In ihrer Kehle stieg ein Gefühl auf, das ihr in der Zeit ihre Bekanntschaft mit Nick allmählich vertraut geworden war: Furcht, die sich mit der Zeit in Angst verwandelte, heiß und dicht wie Meteorgestein.

  Sie sprang so schnell auf, dass der Schreibtischstuhl wegrollte und an der Wand hinter ihr mit einem beängstigenden Knirschen gegen den Schrank knallte.

»Mary, glaubst du, du könntest eine Stunde früher Feierabend machen?« Er brauchte sie. Am besten so pragmatisch in Uniform.

 Sie sagte: »Ja«, ohne zu überlegen und ohne erst den Lieutenant zu fragen. Nach ein paar beruhigenden Phrasen, die ihm kaum helfen würden, legte sie auf und sah sich hektisch um, angesteckt von seinem Gemütszustand, kurzatmig auf einmal. Sie sammelte sich und ging auf die Wache.

»Carl. Ich muss nach Hause. Irgendwas ist mit Nick nicht in Ordnung.«

  Er sah vom Sportteil der Morgenzeitung auf, die gerade gebracht worden war. »Schlimm?«

»Ich weiß es nicht. Ich möchte lieber nachsehen.«

  »Klar.« Normalerweise ging das nicht. »Aber könntest du warten, bis die andere Streife aus Colchester zurück ist? Dauert nicht lange.« 

Eines Nachmittages setzte Nick sein Vorhaben in die Tat um. Fluchend und schimpfend kroch er zuerst im Keller und dann auf dem Spitzboden unterm Dach herum, bis er schließlich einen uralten Schuhkarton mit dem Logo einer britischen Firma, die schon lange nicht mehr existierte, zu Tage förderte.

 

»Das müssen große Schuhe gewesen sein«, bemerkte Mary, als er nach der Bergung angewidert die dicke Schicht Staub vom überdimensionierten Deckel wischte.

   »Stiefel, um genau zu sein.«

»Bestimmt Gummistiefel.« Mary wollte sich kaputt lachen.

  »Da.« Er streckte ihr die Kiste entgegen. Er hatte grandios schlechte Laune. »Du hast gesagt, du brennst darauf, das in die Finger zu kriegen. Jetzt gehört es dir, also mach selber sauber.« Damit drehte er sich um und verschwand mit den Hunden nach draußen. Mary drückte den Karton verblüfft gegen ihre Brust. Dann nieste sie, wegen des Drecks.

   Nachdem sie vorsichtig unter den Deckel gelugt hatte – man wusste nie, was in Kartons vom Dachboden zum Vorschein kam –, stellte sie fest, dass in dem Stiefelkarton eine zweite Kiste, diesmal aus fester, sauberer Pappe, steckte. Sie war völlig unbeschriftet. Mary behandelte vorsichtshalber auch diesen Deckel mit Zurückhaltung, halb darauf gefasst, dass etwas sie ansprang. Als nichts dergleichen passierte (natürlich nicht), schloss sie den Karton wieder, was sie Überwindung kostete, weil sie extrem neugierig auf den Inhalt war.

Dann warf sie die Stiefelverpackung (Herren, Größe 48, nicht Nicks Schuhgröße) ins Altpapier und trug den anderen Karton ins Wohnzimmer, wo sie ihn mitten auf dem Tisch platzierte.

    Ganz schön schwer.

    Was wohl drin war?

 Sie schlich eine Weile um den Tisch herum, wie man um ein seltsames Artefakt herumschleicht. Dann zuckte sie die Schultern und ging in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten.

  Von der Küchenzeile aus hatte sie die Kiste im Blick. Sie thronte – nein, sie lauerte – auf ihrem Esstisch. Und wartete.

 Mary wartete auch. Auf Nicks Rückkehr. Sie würde das Ding nicht ohne ihn öffnen, ob es ihm passte oder nicht.

 Das Essen, ein Nudelgericht mit Salat (zubereitet ohne jedes Nachdenken, mechanisch nach langjähriger Routine, während ihre Gedanken Nick nachwanderten), war längst fertig, als er endlich von seiner Tour durch den Wald zurückkam. Er betrat den Raum, und sein Blick zuckte sofort zu dem Karton auf dem Tisch. Rundherum waren die Utensilien fürs Abendessen aufgereiht.

   Nick seufzte vernehmlich. Er näherte sich dem Tisch, wie man sich einem explosiven Gegenstand nähern mochte, zog vorsichtig einen Stuhl hervor und setzte sich. Sein Blick wanderte von seinem Teller zum Karton, zu Mary, zum Karton.  Er schwieg. Seine Stirn war in besorgte Falten gelegt.

    Mary beobachtete ihn mit Interesse, sah sein Unbehagen und fand, dass er gewaltig übertrieb.

  Schließlich schob er den halb geleerten Teller von sich und legte mit Bedacht sein Besteck darauf.

   »Okay«, sagte er und sah mit einem angewiderten Ausdruck auf die Kiste. »Hättest du das nicht ohne mich tun können?«

   Mary musterte ihn. »Nein«, sagte sie. Sie fand sich selbst ein bisschen boshaft. Allerdings mochte sie plötzlich auch nicht mehr weiter essen. In ihrem Magen bildete sich ein Klumpen, ein kleiner, hüpfender Ball aus Aufgeregtheit.

   Ihre Hände lagen nebeneinander auf der blank gescheuerten Holzplatte. Sie spreizte ihre Finger und tastete mit der Spitze ihres Ringfingers nach seinem und berührte den glatten Nagel.

   Nick stützte die freie Hand unters Kinn, sah zur Seite und fuhr sich dann mit den Händen übers Gesicht.


Auf der Wache war irgendein Tumult. Nichts Ernsthaftes, es wurde gelacht, und seine Ohren filterten Marys Timbre heraus, obwohl die anderen viel lauter waren.        

Nick verharrte vor dem Eingang zum Wachbereich, um sich eine Weile anzuhören, was hier vor sich ging.

Seine Laune verschlechterte sich ebenso schnell, wie seine Augen größer wurden.

  Es war Bear, der den anderen auf der Wache den letzten Einsatz wortgewaltig und anschaulich erläuterte, tatkräftig unterstützt von Ian, dessen Stimme vor Aufregung hochdrehte wie ein überbeanspruchter Motor.

  »Ich liebe meinen Job«, sagte Mary gerade, und lachte wieder. Sie klang selbstsicher. Wenn er sie jetzt ansähe, würde er ihr strahlendes Gesicht bewundern und wie sie ihr Haar zurückwarf, stolz, eine siegreiche Kriegerin am Ende einer außergewöhnlichen Schlacht.

    Eine verdammte Woche war er hier.

Sieben verdammte Tage, und schon brachte Mary sich in Lebensgefahr. An seinem Lid zuckte ein Muskel.

   Zeit, den Landeiern hier mal zu zeigen, wo der Hammer hing.

 

Marco, dieser Schönling, lümmelte am Wachtisch, hielt seine Brille in der Hand und wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. Die anderen bildeten eine Art Kreis um Mary und Bear, wobei letzterer durch die Formation stolzierte, eine Figur wie eine Bassgeige, die Daumen gewichtig in den Gürtel unter seinem ausladenden Bauch gehakt. Ian saß rittlings auf einem Bürostuhl und rollte damit aufgeregt vor und zurück. Er schien etwas zu demonstrieren. Nicks Gereiztheit stieg parallel zu seinem Befremden.

 Durch sein Eintreten wurde die Pantomime rüde unterbrochen. Ian erstarrte mitten in der Bewegung, die Hände komisch in der Luft, was bei dem einen oder anderen eine letzte Lachsalve auslöste. Vorsorglich schoss er Marco einen kühlen Blick zu.  Marco hatte todsicher etwas mit dem Aufruhr zu tun. In dieser Hinsicht war personaltechnisch auch noch nicht das letzte Wort gesprochen.

  Mary räusperte sich verlegen. Nick änderte blitzartig seine Taktik. Mit Chefgehabe würde er hier nicht weit kommen.

    Er knipste ein Hundert-Watt-Lächeln an.

Mary musterte seine tadellose Uniform mit den Silberbiesen an der Seitennaht des Hosenbeins, das weiße Hemd, die verhasste Krawatte, die er bereits wieder gelockert hatte, und verengte die Augen zu misstrauischen, schmalen Schlitzen.

 »Also«, sagte Nick und sah freundschaftlich von einem Gesicht zum anderen, wobei er Mary ausließ, »wie lang war denn die Schlange?«

 

Ians Körpersprache erinnerte Mary an Walter, kurz bevor er irgendeinen Unfug machte. Sie holte prophylaktisch Luft, aber es half nichts: Ian nahm die Steilvorlage entzückt an.

 »So lang wie mein Bein und so dick wie Bears Arm!«, platzte er begeistert heraus und strahlte, dass die Sommersprossen auf seiner Nase nur so tanzten.

 »Tatsächlich«, sagte Nick gedehnt und pfiff mit vorgetäuschter Anerkennung leise durch die Zähne.

Das kam bei Ian gut an. »Ja, Chief, ehrlich, und du glaubst ja nicht, was –«.

   »Ian, du hältst jetzt sofort die Klappe«, sagte Mary.

Nicks Blick richtete sich auf sie. Er lächelte falsch. »Aber nein, lass ihn doch.«

   Sie verstummte.


Er nickte zu dem Kuchenteller hin, pickte mit der Gabel ein Stück auf und betrachtete es angelegentlich. »Mangos machen übrigens geil, wusstest du das?«

  »Himmel, wer sagt das denn?«

»Kamasutra. Ich brauch übrigens keine Mangos, bin ich auch so. Trotz deines seltsamen Zwangs, zwölf Mal zu kontrollieren, dass die Herdplatten aus sind. Das ist schon ziemlich irre.«

 

Sie verharrte gedanklich einen Moment bei seinen expliziten Kenntnissen. Aber dann wurde sie ernst. »Ich dachte, du würdest irgendwann das Interesse an mir verlieren«, murmelte Mary, mit gesenktem Kopf, und milderte ihre größte Angst mit einem kleinen, unsicheren Lachen, das ihn für mindestens eine Minute zum Verstummen brachte.

  Dann sagte er: »Das Interesse verlieren? Dann könnte ich auch gleich das Interesse am Atmen verlieren. Oder daran, dass mein Herz schlägt.«

Sie umrundete mit dem Zeigefinger den Rand der Kaffeetasse, den Rand des Tellers, schob Kuchenkrümel hin und her und musste erst wieder zu einem lockeren Ton finden, bevor sie eine Entgegnung hervorbrachte, die etwas grob ausfiel (was er merkte, denn er lächelte fein).

»Du bist ein elender Lügner, Nick Ellis. Das sind mittlerweile fast fünf Jahre! Kansas nicht eingerechnet.«

  »Na und, glaubst du, sowas nutzt sich ab? Wie Bremsbeläge oder Reifen?«

Sie holte sich den Teller zurück. »Du liebst solche Vergleiche, stimmt’s? So kann auch nur ein Mann denken. Aber da du schon fragst: Ja, das glaube ich in der Tat!«

 »Aha, also ist das bei dir so? Wie leid bist du mich denn schon? Müssen wir demnächst das Licht ausmachen, wenn wir miteinander ins Bett gehen?« Seine blauen Augen bekamen diesen leicht verschlagenen Ausdruck, bei dem sie immer an Walter denken musste: So sah Walter aus, wenn er ein besonders perfides Spiel im Sinn hatte, geeignet, um jeden anderen Hund der Welt in den Wahnsinn zu treiben.

»Du guckst Walter-mäßig«, sagte Mary. »Auf dieser Ebene kann man nicht diskutieren, das ist dir doch hoffentlich klar.«

  »Und du weichst meiner Frage aus, Liebste. Das ist ganz schlechter Stil und außerdem in höchstem Maße feige.«

Sie hielt ihm ihre Gabel hin und sah vollkommen fasziniert zu, wie er die Lippen öffnete, das Kuchenstück nahm und für einen Moment genießerisch die Augen schloss.

  »Also?«, fragte er dann mit vollem Mund. Sie lachte wieder und lehnte sich über den Tisch, näher zu ihm.

   »Das Licht kann noch an bleiben«, sagte sie. 


»Die Jungs unten. Sie haben gewettet«, sagte sie, und in ihrer Stimme erschien eine seltsame Kante, die sie zuvor heldenhaft umschifft hatte, obwohl sie dachte, ihr würde das Herz brechen beim Verrat an dem, was sie aufgebaut hatte.

    Er wandte ihr das Gesicht zu. »Worum ging es?«

»Ob ich heulend herunterkomme, oder wütend.«

   »Wer hat gewonnen?«

»Marco. Dreißig Dollar.«

   »Und? Worauf hat er gesetzt?«

»Nicht das mit dem Heulen.«

   »Mmhm.«

»Es hat mich gedemütigt, Nick.« Es hörte sich traurig an.

Sie war durch den Wind, weil sie nicht nur ihn gegen sich hatte, sondern plötzlich auch die Kollegen nicht mehr hinter sich wusste.

  Er fragte sich, was sie als schlimmer empfand, und glaubte, die Antwort zu kennen. Sie tat ihm leid. »Ich hasse Schlangen«, stieß er hervor.

 

Eine Zeitlang war nur das zarte Quietschen der Schaukel zu hören.

»Ach, Nick«, sagte Mary dann mit einem tiefen Seufzen und lehnte den Kopf an seine Schulter.

   Nick streckte seine langen Beine aus und kreuzte die Füße auf der Brüstung. Sacht stieß er die Schaukel an. Die beiden steilen Falten zwischen seinen Augenbrauen glätteten sich.

  Mary verlagerte ihre Knie auf die andere Seite, rutschte ein Stück näher an ihn heran und legte die Hand um seinen Arm. Er registrierte es dankbar.

»Also holst du deine Waffe morgen wieder ab? Und behältst deine Marke?«

  »Ja«, sagte sie. »Aber wichtiger ist mir, dass ich dich behalten kann.«

Er dachte einen Augenblick darüber nach. »Als deinen Ehemann oder deinen Boss?«

   »Als meinen Geliebten«, sagt sie ernst, »das mit dem Boss ist nur Beiwerk.«

Er legte einen Arm um ihre Schultern und atmete aus tiefstem Herzen auf.

 

Nick dachte tagelang über die Episode nach. Am Sonntag beim Frühstück, während er Pancakes zu seltsamen Formen buk, teilte er seine Gedanken mit ihr. 


»Tja, und damit wären wir beinahe am Ende unserer Geschichte«, sagt Mary und stößt einen Seufzer aus. »Was sagen Sie dazu, junger Mann?«

  Es ist eine rhetorische Frage, denn John weiß, dass ihnen der größte Brocken noch bevorsteht. »Und, ging es ihm danach besser? Kam er darüber hinweg?« Neugierig sieht er ihr ins Gesicht.

  Sie wackelt mit dem Kopf, so, wie Nick es getan haben könnte, und lächelt. »Ja, ich denke, das tat er. Obwohl ich mir dessen nie ganz sicher war. Nick ist –«.

  Gott, wann würde das je aufhören?

»Nick war wie eine Zwiebel. Kaum war die eine Schicht mühsam abgepellt, hatte man schon die nächste vor sich.«

   Sie spielt mit ihrer Halskette, eine nervöse Geste, die nicht gut zu ihr passt, und sammelt ihre Gedanken, während sie unter der Markise hervor in den strahlenden Himmel sieht.

»So viele Jahre sind seitdem vergangen«, sagt sie, mit den Gedanken weit weg; vielleicht in einer Vergangenheit, von der sie noch immer zehrt, die sie durch die Gegenwart trägt, die ihr jedoch mehr und mehr zu einer Last wird, weshalb sie sie teilt.

»Jetzt bin ich beinahe so alt wie Nicks Mutter, als sie starb.«

   John nickt. »Was ist mit dem alten Earl passiert?«, fragt er und dreht sein Glas langsam in den Händen, bis seine Handflächen feucht und kühl sind vom Kondenswasser des geeisten Getränks.

»Er war Anfang achtzig, als das Verfahren gegen ihn eröffnet wurde.«


Als sie zu ihm ins Bett kroch, sann sie sekundenlang darüber nach, was schöner war: die köstliche Steifheit der frischen Bettwäsche, die samtige Weichheit des Lakens oder das heimelige Knarren des massiven Bettes. Dann berührte ihr Haar mit feinem Knistern das Kissen, ihre Fingerspitzen erreichten seine Schultern, sein Atem ging schneller, und die Frage erübrigte sich. Seine Haut duftete nach Nick und nach Duschgel, Mary war sofort bereit, und ihre gesamte Konzentration verlagerte sich auf ihn.

 

 Seine Lippen sind zugleich weich und fest, kühl nach der Zeit, die sie draußen verbracht hatten.

Ein kurzes Sich-Zurückziehen, seinen Hinterkopf umfassen, Hände auf der Brust, ein kurzes Von-sich-Schieben, um ihm in die Augen zu sehen.

 Mit der Zungenspitze gegen die glatten Zähne tupfen und die Innenseiten seiner Lippen erkunden, ihn erkunden; weich und schlüpfrig und warm, und er schmeckt gut.

 An seiner Lippe knabbern und mit zitternden Händen an seiner Taille entlang gleiten, nach oben, nach unten.

 Sein Gesicht in die Hände nehmen mit aller Zärtlichkeit, derer sie fähig ist.

 Die Daumen auf die Wangenknochen legen und die Wärme seines köstlichen Körpers spüren; ihn mit Küssen bedecken wollen, überall.

 Seine Hände mit den ihren umhüllen, um die verborgene Kraft und die Eindringlichkeit ihrer Bewegungen zu erfühlen.

  Seine Bartstoppeln spüren, ein leichtes Kratzen, und seinen Atem, der über ihre Wange streicht.

  Ein Wimpernschlag an der Wange, verhaltenes Stöhnen und ein Kribbeln tief von innen heraus.

 Der Druck seiner Lippen, intensiver und tiefer, besitzergreifend.

 Zungen, die miteinander spielen, sich streicheln.

Vorsichtiges Tasten und Schmecken und Erkunden; leichte Berührungen, die nach all der Behutsamkeit fester werden, zielgerichteter.

(...)

Er küsst sie. Es ist ein Kuss, den man noch Stunden später auf den Lippen spürt, so dass man zwei Finger daranlegt und ihm nachlauscht, wie einem beglückenden Klang. 

 »Wo befinden wir uns denn jetzt, auf deiner Skala?«  


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Zum Verständnis von Band 2 sollte man Band 1 kennen.