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Schon wieder dieses Gemecker über die Krimi-Autoren

Texte wie Unfälle: alles verbogen, alles durcheinander. Eigentlich willst du lieber wegsehen, aber es geht nicht! Morbide Faszination. 

Manchmal ist es im Lektorat ... schwierig. Lesen und Lektorieren muss nicht zwingend einen Riesenspaß machen, das geht auch mit einem festen Willen und Routine, aber könnten Sie sich als Autor bitte mal ein paar Gedanken mehr machen?

Besonders empfindlich reagiere ich auf Texte, in denen „Polizei“ vorkommt. Da ich im Lektorat gern die Krimis an mich reiße, begegnen mir viele solcher Texte. Aber es hat ja auch keiner gesagt, dass Lektorieren leicht ist!

Dass die Kollegen grundsätzlich als Idioten hingestellt werden, kann ich mittlerweile verschmerzen. Was ich nicht so gut leiden kann, ist schlechte Recherche.

Es gibt so viele Genres! Wer nicht die Fantasie hat, sich vorzustellen, wie ein Polizeirevier aussieht und wie es da zugeht, sollte davon absehen, Krimis zu schreiben. Wer sich mit Ermittlungsarbeit nicht vertraut machen kann oder will und stattdessen schlechte Fernsehkrimis zitiert, ist meiner Ansicht nach schon mal nicht unbedingt mit dem größten Talent gesegnet.

 

Ablehnung kommt bei mir auf, wenn jemand Gegebenheiten einfach ignoriert: Fiktion heißt nicht, dass man sich die Welt biegen kann, wie man will (außer, man schreibt Fantasy und baut sich die Welt, wie es einem gefällt, aber auch das glückt nur den Wenigsten).  

Jeder Leser weiß, dass Gesetze existieren. Gewisse Dinge sind eben so, wie sie sind, und in der heutigen Zeit mit einem Tastenklick überall nachzuvollziehen.  Auch für den Leser! Der es dem Autor vielleicht übel nimmt, wenn Fakten auf den Kopf gestellt werden, immer dasselbe Klischee bedient wird oder – noch schlimmer – der Autor schlicht vergessen hat (oder zu bequem war), ordentlich zu recherchieren. Polizei und alles, was dazu gehört, hat einen gewissen Nimbus. Heutzutage hat jeder sein Wissen aus hundert Quellen, oftmals den falschen, und es ist nun mal häufig so, dass man nicht zur Polizei hingeht und fragt. Also reimt man sich manches zusammen und verifiziert es - genau! - im Internet.

Das Problem mit dem Internet ist, dass es so viele verschiedene Quellen gibt, und wer sich auf Wikipedia verlässt, ist auch wirklich selbst schuld.

Wenn Sie eine Heizungsanlage erneuern wollen und ich lege Ihnen ein paar Explosionszeichnungen hin: Reicht Ihnen das, um das Ding zu installieren? So ist das mit Gesetzen und Verfahrensweise auch manchmal. Kann klappen, aber womöglich  hat man, mit „Krimi“ übertitelt, ein Sammelsurium von Dingen, die jemand im Zusammenhang mit Polizei schon mal irgendwo gehört und irgendwie zusammengesetzt hat.

 

Um erfolgreich Krimis (und Thriller) zu schreiben, braucht man (unter anderem):

a)            ein grundlegendes Verständnis von Polizeiarbeit und

b)           ein grundlegendes Verständnis für die Psyche eines Täters.

 

Das heißt jetzt auf keinen Fall, dass nur ausgebildete Strafverfolger einen Krimi schreiben können! Im Gegenteil. Aber ohne a) und b) merkt der Leser, dass in dem Buch eben etwas Grundlegendes nicht stimmt.

 

Da schreibt also jemand einen Krimi.

Es geht um Vergewaltigung und Drogen, Entführung und Mord. (Sehr gern geht es auch um Gewaltdelikte mit einem kräftigen Schuss Psychologie, und da wirkt es dann oft ein bisschen ...hmm... sagen wir mal, hausgemacht). Klar, was sonst, andere Themen gibt es ja offensichtlich nicht. Die Autorin hat offenkundig keinen blassen Schimmer von Polizeiarbeit. Oder überhaupt auch nur darüber, wie die Polizei ausgerüstet ist und wer was tut.  Glücklicherweise schreibt sie wenigstens innerhalb Deutschlands, denn Krimis außerhalb des Heimatlandes (Stichwort: USA) sind oft eher Ratespiele.

Trotzdem: Plotlöcher, so groß wie der Edersee. Die Autorin tut, was alle tun: Fragt im Forum und bekommt den Tipp, dies oder jenes zu googeln.

Prompt sucht sie sich aus 48000 Möglichkeiten das abgefahrenste Ergebnis raus, was überhaupt nur möglich ist, und zieht infolgedessen Schlüsse, die schlichtweg falsch sind.

 

Wenn ich in einem Genre schreibe, in dem ich mich nicht die Spur auskenne: Sollte ich dann nicht eher auf solche brandheißen Themen verzichten? Oder, liebe A. aus was-weiß-ich-wo, schreib Heimatgeschichten, vorzugsweise aus deiner eigenen Heimat, wo du notfalls hingehen und nachgucken gehen kannst, wenn die Fähigkeit zur Recherche fehlt. Und schreib in einem Beruf, in dem du dich auskennst. Warum eigentlich sind Romane, in denen die Leute so Allerweltsberufen nachgehen, eher ... wie sagt man... selten? Ich gebe mir gerade ehrlich Mühe, nicht herablassend zu sein.

 

Jemand, der berufsmäßig ermittelt, betrachtet die Welt und ihre Einzelheiten mit anderen Augen. Viele Profis haben eine andere Sicht auf die Dinge und für gewisse Begebenheiten mehr Verständnis als der Normalbürger, für andere Sachen wiederum gar keins, was dem Normalmenschen dann wiederum blankes Unverständnis erweckt. Ein Polizeibeamter ist kein Versicherungsangestellter, jemand, der im Schichtdienst arbeitet, hat eine komplett andere Gefühlslage als einer, der noch nie nachts gearbeitet hat.

Jemand, der Tag für Tag mit Straftätern (gleich welcher Couleur) zu tun hat, entwickelt zwangsläufig eine bestimmte Form von Sensibilität. Und von Resilienz.

Erfinde nichts über die Polizei, und glaub nicht, dass alles, was im Fernsehen gezeigt wird, der Wahrheit entspricht. Es ist in Deutschland tatsächlich noch nicht möglich, Fingerabdrücke mit dem Handy einzuscannen, Wick Vaporub hilft nicht, wenn menschliche Körper über ein gewisses Verfallsdatum hinaus sind, und DNA-Vergleiche sind nicht innerhalb eines Vormittages da. Von der Technik gar nicht zu reden: Die Bevölkerung wäre, je nach Thema, belustigt, beleidigt oder entsetzt, wenn sie wüsste, was hier manchmal los ist. Schreibt authentisch!

Über die Art und Weise, als Zivilist sinnvoll Informationen zu gewinnen, habe ich an anderer Stelle schon genug referiert.

 

Okay.

Liebe Krimi-Autoren: Fragt. Gern mich. Ich helfe wirklich gern, gerner, am gernsten, wenn ich dadurch nur einen einzigen Krimi ein wenig echter machen kann oder doch zumindest so, dass die Kollegin nebenan, die gerade jetzt im Nachtdienst lachend über ihrem Kindle zusammenbricht (ja, auch in Frankfurt haben wir manchmal ein wenig Leerlauf) beim nächsten Download vielleicht ein spannenderes Leseerlebnis hat.

 

©megmcgary 04/2021 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Carola Meisner-Isbach (Samstag, 10 April 2021 15:00)

    Toller Beitrag und nochmals danke für deine Hilfe.