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Die Autoren-Vita

Eine Autoren-Vita braucht man nicht nur innerhalb einer Buchvorstellung (sog. Kurz-Vita), sondern insbesondere bei der Agentur- oder Verlagsbewerbung.

 

Eckdaten: Drei bis fünf Sätze. Strukturierter (nicht: „chronologischer“) Aufbau. Verfasst in der dritten Person, Präsens. Genre- und Themenschwerpunkte nennen. Fließtext. Maximal 500 Zeichen.

Ganz einfach also.

 

„Ingeliese S., geborene R., wurde am 31.03.1971 im schönen Kleinkleckersdorf, Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen, als zweite Tochter eines Lehrerehepaares geboren. Seitdem sie einen Stift halten kann, schreibt sie, und das mit wachsender Begeisterung. Obwohl ihr die Gymnasialzeit und eine anschließende Ausbildung zur Steuerfachgehilfin viel Freude bereiteten, beschloss die Autorin, ein Studium der Geisteswissenschaften, Schwerpunkt Philosophie des 19. Jahrhunderts, zu absolvieren. Nach dem Bachelor-Abschluss gewann die Schriftstellerin drei Kurzgeschichten-Wettbewerbe zum Thema „Liebe in Zeiten des Selfpublishing-Trends“ und veröffentlichte in rascher Folge sieben Entwicklungsromane mit folgenden Titeln: (…), die allesamt gut angenommen wurden. Ingeliese S. lebt noch immer in ihrem Heimatort und hat 1996 ihren langjährigen Freund Hartmut geheiratet, mit dem sie ein Kind (alles Mädchen) hat. Die Familie hat zwei Mischlingshunde aus dem Tierschutz. In ihrer Freizeit liebt die Autorin das Kochen, Gärtnern und Sammeln von viktorianischen Vasen.“

Okay, also doch nicht so einfach.

 

Tipp 1:

Fasse dich kurz. Fasse dich besonders kurz, wenn es um sensible Daten geht. Das vollständige Geburtsdatum ist nicht nur unnötig, sondern auch gefährlich (weniger bei der Bewerbung, da wird schon niemand Schmu mit treiben, aber was bitte bringt einen dazu, sein Geburtsdatum (und dann, wie wir noch sehen werden, den Geburtsort) bei Amazon zu veröffentlichen? Schreiben Sie doch bitte noch Ihre Kontonummer dazu. Oder die Daten Ihrer Kreditkarte. Danke. Ironie aus. Das Geburtsjahr reicht!

(Sollte es im Zuge Ihrer Agentur-/Verlagsbewerbung zum Vertrag kommen, benötigt man Ihr Geburtsdatum. Vorher nicht, und sonst in keinem Fall.)

 

Tipp 1a:

Schwafeln Sie nicht. Trennen Sie Wichtiges vom Unwichtigen. Sie stellen damit heraus, dass auch in Ihrem Manuskript das meiste Hand und Fuß hat. In einer Autorenvita ist Sachlichkeit, Knappheit und Stringenz gefragt. Ihr erzählerisches Talent stellen Sie bitte in der Textprobe unter Beweis.

Ja, die Leute in den Agenturen und Verlagen wollen schon wissen, mit wem sie es zu tun haben, aber so genau dann auch wieder nicht. Überzeugen Sie mit Ihrem Werk, nicht mit schillernden Lebensläufen, die auf andere vielleicht gar nicht schillernd wirken.

 

No Go: mit den Lorbeeren anderer punkten wollen. „Die Cousine 3. Grades des Burgschauspielers Franz Müller…“, „die Ehefrau des Staatsanwaltes Fritz Meyer“, „die Schülerin des bekannten Oberstudienrates und Dichters Alois Mitterlechner…“ Um wen geht es hier? Um Sie. Oder?

 

Tipp 2:

Bleiben Sie sachlich.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Autoren alle total „schön“ wohnen? Ob im schönen Münsterland, dem schönen Voralpenland, der schönen Sächsischen Schweiz oder dem schönen hessischen Dörfchen XY – alles so schön!

Besonderheiten Ihres Wohnortes erwähnen Sie bitte nur dann, wenn es auch Besonderheiten sind. Sollten Sie als Leuchtturmwärter auf Helgoland arbeiten, unter Wölfen aufgewachsen sein oder in München-Bogenhausens einzigem Haus ohne fließend Wasser und Strom wohnen UND Ihr Buch einen Bezug dazu haben, sagen Sie’s ruhig.

Schreiben Sie nicht, dass Sie „schon immer“ schreiben wollten bzw. es getan haben. Niemanden interessiert es, ob und wie Sie die Grundschule überstanden haben. Die Erwähnung solcher Selbstverständlichkeiten wirft ein naives Licht auf Sie.

 

Vorsicht mit Rechtfertigungen, die in einer Welt von Elfenbeinturmbewohnern sicher super klingt, aber auf Menschen, die ein wirtschaftliches Interesse haben, leicht mitleiderregend wirkt. Schreiben Sie nicht, dass Sie schreiben wollten, seitdem Sie einen Stift halten konnte oder wussten, wozu eine Tastatur dient. Wer bitte will die Ergüsse einer 6jährigen lesen? Gab es keine lohnenderen Ziele, zumindest wirtschaftlicher Art? Kann man Sie überhaupt auf die Menschheit loslassen? Und wie ausgereift ist eigentlich Ihre Persönlichkeit?

Tipp 3: Hier geht es um die Feststellung Ihrer Motivation. Schreiben, um zu schreiben – etwa, „weil die Sachen unbedingt aus meinem Kopf raus müssen“ oder weil Sie „nicht anders können“ wirkt bestenfalls ein wenig spinnert, wenn nicht sogar befremdlich, und sind kein ausreichender Grund, ein Buch auf den Markt zu werfen.

Die Frage nach bisherigen Veröffentlichungen beantworten Sie bitte nur, wenn Sie auch etwas Vorzeigbares veröffentlicht haben. Erzeugnisse aus Druckkostenzuschussverlagen verschweigen Sie besser. Amazonplatzierungen („Top 100 in der Kategorie Märchen der 2010er Jahre für 6-8jährige“) und –bewertungen (alles unter 50) sind nur sekundär interessant. Gehen Sie davon aus, dass man bei Interesse alle Suchmaschinen rauf und runter bemüht, um zu gucken, was Sie so treiben.

Auszeichnungen, Wettbewerbsgewinne (bis zu einem gewissen Rang; ab Platz 4 oder 5 wird es lächerlich, je nach Umfang) aus Ausschreibungen erwähnen Sie bitte, auch auf Spiegel-Bestsellerplätze darf man hinweisen. Hier geht es um Ihre literarischen Meilensteine.

 

Kommen wir in diesem Zusammenhang noch zu dem, was auf neudeutsch Skills heißt. Gemeint sind besondere Fähigkeiten und Kenntnisse. Haben Sie jahrelang Entwicklungshilfe in Eritrea geleistet und ein Buch geschrieben, dass ethnische Konflikte in Ostafrika thematisiert? Erwähnen! Haben Sie als deutsche Polizeibeamtin viel (Arbeits-)zeit in den USA verbracht, kennen sich mit den amerikanischen Gepflogenheiten und dem dortigen Recht gut aus und ihre Protagonisten sind Cops bei dieser Dienststelle in der faszinierenden Westküsten-Stadt, in der Sie jeden Baum und jeden Strauch kennen? Erwähnen! Oder sind Sie Rechtsmediziner und haben ein Manuskript anzubieten, das Kay Scarpetta neidisch machen würde? Erwähnen! Sie sind Flugbegleiterin, haben ein Kunststudium, wenn auch abgebrochen, können etwas mehr als nur Impressionismus von Expressionismus unterscheiden, und schreiben über einen charismatischen Dieb, der quer durch Europa jettet und auf die Alten Meister spezialisiert hat?

Sie haben nichts dergleichen getan und kennen die Location in den schottischen Highlands, die sie so lieben, nur von Google Maps und aus „Outlander“? Sagen Sie nichts.

Ich nehme an, Sie verstehen, was ich meine.

Falls es derlei nicht gibt, wird Ihre Vita eben kürzer. Das macht nichts. Daher lautet Tipp 4: Bleiben Sie bei der Wahrheit, aber schmücken Sie Ihre Erfolgsgeschichte nicht unnötig aus. Fatal facts könnten wie ein Bumerang zu Ihnen zurückkommen.

 

Tipp 5:

Treten Sie möglichst niemandem auf die Füße. Bemerkungen à la: „Wenn Sie mal was richtig Gutes lesen wollen…“ oder „mein Buch verdient Aufmerksamkeit und ist nicht so ein Müll wie…“ sparen Sie sich bitte. Man weiß nie, wer am anderen Ende des Mailpostfaches sitzt. Und was dieser Mensch für Vorlieben hat.

 

Tipp 6:

Rechtschreibfehler sparen Sie sich auch. Eine Autorenvita ist normalerweise so kurz, dass es möglich sein muss, ohne Fehler auszukommen.  (Tipp zum Tipp: Lektoren machen sowas in Nullkommanix und oft kostenlos. Ich jedenfalls.)

 

Tipp 7:

Beschäftigen Sie sich mit der korrekten Genrezuordnung. Heißt: Informieren Sie sich, in welches Genre Ihr Werk / Ihr neues Manuskript gehört, und benennen Sie es korrekt. Alles andere ist unprofessionell. Ein Krimi, der eigentlich eine Liebesgeschichte ist (aber mit viel Erotik!) und Fantasy-Elemente beinhaltet, ist meistens nur eines: unsortiertes Kuddelmuddel eines Autors, der nicht weiß, was er will und tut.

Eigentlich mehr was fürs Exposé, aber der Vollständigkeit halber hier noch erwähnt: Für die lautesten Lacher in den Lektoraten sorgt gern der sogenannte Regal-Vergleich. Stellen Sie Ihr Fantasy-Epos nicht in die Nähe von J.R.R. Tolkien, sortieren Sie Ihr Jugendbuch nicht unmittelbar bei Harry Potter ein, und vergleichen Sie Ihren Roman vielleicht nicht als erstes mit Anna Karenina. Das würde zwar selbstbewusst wirken, wäre aber möglicherweise etwas abschreckend.

 

Tipp 8: 

Nicht lügen, nicht angeben, keine Schuld zuweisen, nicht jammern. Vergessen Sie Zitate aus Ihren Werken, Kommentare Ihrer Testleser (oder Ihrer Mutter), persönliche Anekdoten und jeglichen autobiografischen Füllstoff.

 

Tipp 9:

Die Eckdaten – siehe oben. Aber was heißt: Strukturierter Aufbau?

„Strukturierter Aufbau“ ist die Übersetzung von „was interessiert meine Leser/einen Agenten/einen Verlag am meisten?“ Antwort: Name, Geburtsjahr, Profession, Veröffentlichungen & Daten rund ums Schreiben, Wohnort und Familie.

 

Tipp 10:

Beachte die Unterschiede – eine Kurzvita für Leser umfasst andere Dinge als eine Kurzvita für Agentur/Verlag. Ersteres: siehe Tipp 9. Für den Verlag ergänzen Sie das um Beruf/Ausbildung sowie Dinge, die marketingtechnisch interessant sein können (siehe Tipp 4).

 

 

 

Beispiel 1, Kurzvita:

Megan McGary, *1969, ist Kriminalhauptkommissarin in Frankfurt am Main. Nebenberuflich schreibt sie über ihre Kernthemen: Hunde, Liebe und Polizei. Ihr Debüt, der Liebesroman „Navigieren bei Glatteis“ erschien 2019. Seitdem sind sechs weitere Bücher, vor allem über Tierschutzthemen und die ganz große Liebe, entstanden. Die Autorin ist Mutter eines Kindes und lebt mit ihrer Familie und einigen Jagdhunden in Nordhessen. (=422 Zeichen)

(Sinnvoll kann es sein, noch die Homepage zu benennen. Bei mir wird darauf aber an anderer, prominenterer Stelle hingewiesen.)

 

 

Beispiel 2, Langform:

Meike A., *1969, ist nach einem nicht vollendeten Jura-Studium Kriminalhauptkommissarin in Frankfurt am Main. Unter dem Pseudonym Megan McGary schreibt sie frei- und nebenberuflich über ihre Kernthemen: Hunde, Liebe und Polizei. Nach einem 3. Platz beim XYZ-Kurzgeschichtenwettbewerb 2018 erschien Ihr Debüt, der Liebesroman „Navigieren bei Glatteis“ im darauffolgenden Sommer. Seitdem sind sechs weitere Bücher, vor allem über Tierschutzthemen und die ganz große Liebe, entstanden. McGary hat amerikanische Wurzeln und nimmt regelmäßig an Hospitationen an der Westküste der USA teil, wobei der letzte Aufenthalt (2018) sechs Monate währte. Die Autorin ist Mutter zweier Kinder und lebt mit ihrer Patchwork-Familie sowie mehreren Jagdhunden in Nordhessen. Nächstes Projekt ist ein Cosy-Crime mit tierischem Ermittler. (=818 Zeichen)

 

 

P.S.:

Neuerdings schicken viele Autoren bei ihren Einreichungen kleine Trailer mit – von ihren Büchern oder sich selbst. Ist okay, wenn die Videos gut gemacht sind, hat aber meines Wissens nach noch nie zu einem Vertrag geführt. Und leider, leider wirken die meisten eher abschreckend. Unser ganzes Büro zuckt gepeinigt zusammen, wenn eine Videodatei geöffnet werden soll, um das zu erfahren, was man wissen muss.

Videos machen kann kreativ sein, aber Autor hat was mit schreiben zu tun – auch mal über sich selbst. Also schreiben Sie. Wenn Sie Filmemacher werden wollen oder Videoclips an den Mann bringen möchten, drehen Sie Handy-Videos. So einfach ist das. Agenturen und Verlage möchten wissen, ob Sie mit Worten umgehen können. Wie Sie sprechen, schneiden und auf einem Bildschirm wirken, ist erstmal wurscht, und wenn Sie soweit sind, dass Sie vor 1000 Leuten eine Lesung halten oder im TV auf dem Podium sitzen, wird man Ihnen schon rechtzeitig weiterhelfen.

 

 

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