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Zum Thema LPT

Ich bin auch fassungslos und geschockt. Aber noch mehr bin ich: es so leid.

Seit letzter Woche geht es um LPT. Das Niveau der (berechtigten) Diskussion auf FB und anderswo ist unerträglich. Ich antworte brav auf jede Mail und erkläre 700 Mal, wieso wir uns dieser verf***** Demo nicht anschließen können und wollen, und wieso wir auf unserer Homepage diesen Aufruf weder teilen, noch dementieren, noch gut heisen, noch sonst was. Und auch gewisse Begrifflichkeiten ablehnen.

 

Achtung, das wird jetzt böse. Aber da ja ganz Deutschland das Thema so gut kennt, darf man wohl auf zartfühlende Umschreibungen verzichten.

 

Tierversuche gibt es.

Giftversuche gibt es. Giftigkeitsprüfungen haben wir einer bestimmten EU-Richtlinie zu verdanken, und am allermeisten profitieren wir Menschen davon.

Kosmetikversuche gibt es in Deutschland nicht mehr, daher meine Empfehlung: Achtet darauf, was ihr kauft und wo es herkommt.

Tierversuche müssen sein, weil wir in Deutschland leben, die Gesetzeslage ist, wie sie ist, und weil wir Menschen und unsere Tiere davon profitieren. Ich möchte denjenigen sehen, der sein Kind, seinen Partner oder seinen Hund/Pferd/Katze ins offene Messer rennen lässt, weil die OP-Methode oder das Medikament nicht erprobt ist, oder weil die Chemo plötzlich ganz neue Nebenwirkungen macht.

 

Über Art und Umfang wird seit Jahren diskutiert, gestritten, aber auch geforscht, und das ist gut so.

Als LBH-Mitglied bin ICH (wie ausnahmslos alle in solchen Vereinen) ABSOLUT GEGEN TIERVERSUCHE UND FÜR JEGLICHE ALTERNATIVE, ob Organoide oder Zellkulturen oder weiß Gott was, Hauptsache, keine lebenden Tiere.

Aber so weit sind wir noch nicht, und das hat durchaus was mit Lobbyismus und falscher Politik zu tun. Der Verein, und ich als seine Nachrichtenbeantworterin, werden übel zur Schnecke gemacht, weil jeder ordentlich „gegen was“ sein will, aber zu mehr nicht in der Lage ist.

 

Die meisten der Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken (ich beziehe mich nicht auf das LBH-Forum!) haben weder den Arsch in der Hose noch die Möglichkeit, etwas zu tun, und jegliche Polemik ist hier fehl am Platze.

Offenbar schreit (insbesondere bei Facebook) auch derjenige am lautesten (und am beleidigendsten), der am wenigsten Ahnung hat und auch in Wirklichkeit am wenigsten wissen will. Die Leute begreifen aber nicht, dass das kein Weg ist, den Tieren in den Laboren zu helfen. Das geht nur über die Politik, über geänderte und verschärfte Gesetze und geänderte und verschärfte Kontrollen.

 

Mit Sicherheit geht irgendjemandem dabei auch mal was durch die Lappen, mit Sicherheit gibt es auch Versagen, Fehlentscheidungen, mangelnden Durch- und Überblick. Aber deshalb jetzt alles über den deutschen Kamm zu scheren, ist absolut kontraproduktiv. Ob die Behörden hier alles im Griff haben, kann ich - im Gegensatz zu tausenden von Kommentatoren da draußen - nicht beurteilen. Ich nehme jedoch an, dass in einem Institut, das so im Fokus steht, nicht fahrlässig Dinge versäumt werden. Aber im Gegensatz zu den tausend anderen Kommentatoren da draußen war ich auch noch nie bei LPT in der Hundehaltung. Einem Institut übrigens, das Auftragsforschung betreibt, unter anderem für Pharmakokinetik. Wer starke Medikamente nehmen muss oder schon mal eine Narkose erlebt hat (oder: einen Hund in der Narkose verloren hat), weiß, wozu das gut ist.

Ironie aus.

 

Bevor das jetzt den einen oder anderen auf den Trichter bringt, ich würde Tierversuche verteidigen.

Dem ist nicht so. Die Sache schaukelt sich, wie das immer so ist, hoch. Die Anfeindungen werden schlimm, schlimmer, unerträglich. Wie jemand sich noch selbst leiden kann, der öffentlich niederschreibt, wie er mit den dort arbeitenden Menschen umzugehen gedenkt, ist mir schleierhaft. Falls jemand unterirdische Beleidigungen und ein paar Straftatbestand-Verwirklichungen lesen möchte, der schaue bitte mal bei RTL Aktuell auf Facebook. Und was glauben die Demonstranten denn, wer sich um die Tiere kümmert, wenn den Mitarbeitern der Zugang verwehrt wird? Verstand einschalten hilft manchmal, und Denken führt mitunter zu erstaunlichen Ergebnissen. Die Erkenntnis, dass Information nicht gleich Information ist, auch.

 

Dieser Hype mit Tierhorror betrifft nicht alle Labore. Wir erwähnen es gern, aber es will immer keiner glauben: In den Laboren arbeiten kompetente, sehr empathische Menschen, die die Hunde lieben. Als ich sowas neulich bei Facebook äußerte, hatten wir abends 44 Hassmails im Postfach, und „Laborbitch“ war noch die harmloseste Beleidigung.

 

Ehrlich, ich glaube, es geht los. Schaut euch doch eure Hunde an! Die sind garantiert nicht so, wie sie sind, weil sie tagaus, tagein bei Sadisten leben mussten und permanent und perfide gequält werden.

Ja, alle Hunde bei LPT sind dem Tod geweiht. Das hat was mit dem Grund zu tun, warum es diese Versuche gibt. Es gibt noch andere Labore, und wahrscheinlich ist das wirklich das Schlimmste, und es ist auch kaum zu ertragen. Die Bilder sind mit Sicherheit echt, und es ist grauenhaft, dass es das gibt. Die Anzahl der Hunde aus anderen Instituten, die entlassen werden können, ist gering. Auch dort sterben süße Beagles. Dass dieses Leben nicht das ist, was Tiere haben sollen, ist klar. Es ist richtig, alternative Versuche zu fordern und zu fördern. Es ist super richtig, Missbrauch und das Aushebeln der Gesetze zu verhindern und gegen Menschen vorzugehen, die ihre Arbeitsplatzbeschreibung nicht richtig verstanden haben. Idioten gibt es überall, aber das ist nicht die Regel in solchen Instituten. Die Leute, die dort arbeiten – egal, auf welcher Ebene – sind keine Verbrecher und werden ganz sicher nicht nach dem Grad einer sadistischen oder perversen Neigung eingestellt. Genauso wenig, wie die Laborbeaglehilfe den Tierversuch unterstützt, indem sie Hunde übernimmt und vermittelt. Wir kennen Mitarbeiter „unserer“ Institute, und sie haben unseren vollen Respekt.

 

Viele von uns hier haben die 50,60 schon überschritten. Die Wahrheit ist, dass die meisten von uns es leider nicht mehr erleben werden, dass sich in punkto Tierversuche viel ändert, aber es ist auch nicht so, dass nichts getan wird.

Diese Art Berichterstattung, die gerade (wieder mal) betrieben wird, sorgt nur für zwei Dinge: dass die anderen Labore vielleicht noch vorsichtiger werden. Und dass LPT irgendwann das Labor vor den Toren Hamburgs schließt – und woanders wieder aufmacht. Wahrscheinlich irgendwo, wo es nicht so viele Auflagen gibt dank deutscher Gesetzgebung, und wo nicht dauernd Polizeieinsätze bezahlt und hunderttausende in die Sicherheitsvorkehrungen investiert werden müssen. Wir wissen, wie es in inländischen und ausländischen Laboren zugeht. Vor allem wissen wir den Unterschied. DANN geht es den Hunden noch viel, viel beschissener. Es geht weniger darum, dass diese Hunde dort nicht entlassen werden können. Ja, sie sterben dort. Genaugenommen leben sie sogar nur, um dort zu sterben, ohne vorher ein Leben gehabt zu haben, dass man sich für Hunde wünscht. Es geht darum, wie sie sterben. Und im Ausland sterben sie schlimmer, bitte nehmt das einfach so hin und glaubt es.

 

Es ist richtig, dass bei Verstößen gegen die Richtlinien und Gesetze ermittelt wird (nicht richtig ist, dass die Behörden erst gestern mit dem Überprüfen angefangen haben).

Beim Anfangsverdacht einer Straftat schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein, was ein normaler Vorgang ist. Diesen Dingen muss nachgegangen werden, und die Labore müssen überprüft und überwacht werden. Wenn die Medikation vor dem Versuch nicht ausreicht, um dem sterbenden Tier Schmerzen zu ersparen, muss dagegen unbedingt vorgegangen werden.

Aber nicht, indem man bei Facebook die Sau immer weiter durchs Dorf treibt. Zum Glück wissen wir ja, dass sich da fast jährlich wiederholt. Bis der nächste wieder was Bahnbrechendes herausgefunden hat und die richtigen Kontakte erwischt, um es viral gehen zu lassen. Zum Glück hört sowas nach zwei Wochen wieder auf, und dann vergessen es alle wieder.

 

Ich kann verstehen, dass einem bei diesem Thema die Hutschnur platzt und man emotional wird, besonders, wenn der Hund neben einem ein Beagle ist. Aber wie man darauf kommt, die Menschen, die dort arbeiten, würde nicht genau darauf am meisten achten, kapiere ich einfach nicht. Und Konzernmitarbeiter unter Polizeischutz stellen zu müssen, weil sie Straftaten angegangen werden, hilft den Hunden sicher nicht, aber passt ganz genau in unser Land, so wie es derzeit ist.

 

In Deutschland zu leben, hat eine Menge Vorteile. Aber auch ein paar Nachteile. Ich gehöre übrigens zu denen, die jede, wirklich jede Demonstration schützen müssen, egal, wofür, von wem oder wogegen. Ich habe mir schon Sachen sagen lassen müssen, da würden manche hier in die Depression stürzen. Und deshalb weiß ich heute schon, wie das da bei LPT ausgeht.

Weil ich noch ganz viel zu dem Thema zu sagen habe, schreibe ich darüber in Kürze einen Blogartikel zu Ende. Auf meiner Seite, nicht auf der der LBH.

Wenn mir jemand dabei helfen möchte und als Labor-Insider etwas dazu sagen möchte, sehr gerne. Aber Vorsicht mit Frechheiten.

 

Die Laborbeaglehilfe tut alles, um den Hunden, die freikommen, zu helfen, und zwar mit immer weniger Personal und immer höheren Anforderungen. Es wäre nett, wenn diese ganzen Neunmalklugen da bei FB uns helfen würden, es gibt genug Möglichkeiten, und sich einfach mal an die Regeln halten könnten.

Wenn jemand außerhalb der Fernsehsender-Seiten und „Aktivisten“-Gruppen mal was Vernünftiges zu dem Thema lesen will, möge er sich bitte die Seite tierversuche-verstehen.de ansehen.

Übrigens haben wir gerade heute 11 tolle Überlebende avisiert bekommen. Auch wenn vielen das nur ein Tropfen auf den heißen Stein erscheint: Besser als nix ist es auf jeden Fall, und dafür lassen wir uns zur Not auch mal gern als „Tierquälerunterstützer“ beschimpfen.

 

Und übrigens würde kaum einer von denen, die ihr fehlinterpretiertes Halbwissen in Facebook-Kommentaren verbreiten, so einen besonderen Hund vermittelt kriegen.

Wir freuen uns über jeden Medienbericht, in dem die Laborbeaglehilfe erwähnt wird. Wir distanzieren uns aber von Artikeln, in denen bestimmte Äußerungen getätigt werden. Wir würden nämlich noch gern weitere Hunde übernehmen. Und wenn in der Zeitung gewisse Fehlinterpretationen der LBH oder ihren Mitarbeitern, Pflegestellen oder Hundehaltern in den Mund gelegt werden, hat das zur Folge, dass manche Institute sich dreimal überlegen, mit wem sie noch zusammenarbeiten.

Im Zweifel möge die zuständige Redaktion sich bitte mit mir absprechen. Ich bin immer über Mail oder Whatsapp erreichbar, nur telefonisch geht es bei mir nicht, und zwar aus dienstlichen Gründen. Weil ich mir vielleicht grade bei irgendeiner Demo (von wem, gegen wen, für wen oder gegen was auch immer, ist eigentlich egal) die Füße platt laufe, im Vollschutz, weil man ja nie weiß, wann irgendeiner empörten "Tierschützerin" die Hutschnur platzt.

 

Das schlimmste an dieser Welle ist, dass ganz viele Menschen bis vorige Woche nichts davon gewusst haben wollen, dass es überhaupt Versuche mit Hunden in Deutschland gibt. Für die meisten gehört sowas nach China, maximal noch den USA. Und viele glauben absolut wahnsinnige Dinge, die der Fantasie entsprungen sind.

Hier tun sich derart große Bildungslücken und Gräben auf, dass ich gern mehr darüber schreiben möchte. Es erwartet euch daher eine kleine Serie zum Thema. Wer also weiterlesen möchte und Texte oberhalb Bildzeitungsnivau versteht, möge bitte ab und zu hier vorbeischauen. 

Das Zweitschlimmste ist nämlich, dass die ganze Geschichte in Kürze wieder aus dem Fokus verschwunden sein wird und wieder kein Hahn danach kräht, außer denen, die immer danach krähen, und vielleicht schon seit Jahren dagegen anarbeiten - ganz ohne 7500 Demonstranten. 

 

Den vollständigen Artikel zum Thema “Tierversuche” finden Sie ab Anfang November nicht auf der LBH-, sondern hier auf meiner Website: www.meganmcgary.com

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