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Warum Fantasy-Autoren die besseren Schreibenden sind

 

…gegenüber VerfasserInnen von Liebesromanen.

 

Ach, Sie schreiben? Wie interessant. Was denn so? Oh, Liebesromane.

Hm. 

In den Blicken des Fragenden steht glasklar die Enttäuschung: Nur schnöde Romance, Allerweltslesestoff für Frauen. Ach so. Na dann.

 

Bevor jetzt wieder der Aufschrei ertönt, dass McGary doch wirklich den letzten Mist verzapft: ICH SCHREIBE ROMANCE.

Behalten Sie das bitte im Hinterkopf.

 

Mit Romance kann man nur alles falschmachen.  Hast du viele Sexszenen, willst du damit nur die Lesefrequenz hochjagen – frei nach dem Motto: sex sells. Hast du zu wenige, traust du dich nichts und bist rückständig. Führst du gar keine auf, ist es auf einmal die männliche Sichtweise der Welt  –Frauen haben gefälligst die Klappe zu halten,  wenn es zur Sache geht,  außer um zu... lassen wir das.

 

Bei Paar-Geschichten tappt man immer in irgendeine Klischee-Falle. Schon die Tatsache, dass eins und eins bei einer Lovestory günstigenfalls „2“ ergibt, passt manchen nicht. Dein Protagonist darf noch nicht mal gut aussehen. Dunkelhaarige Männer mit blauen Augen? Iihh, Klischee. Grünhaarige Blonde ist aber genauso verpönt. Und Rothaarige? Oh Gott, etwa noch eine Highlander-Fanfiction?

Liebesromane lassen nur eine einzige Richtung zu: durch ein paar Irrungen und Wirrungen geradewegs schmachtend, knutschend und schlängelnd zu einem guten Schluss.

Hier lauert die einzige Falle des Genres:  Lässt du als wahnwitzige Abweichung vom Üblichen deinen Helden sterben oder vergeigst das Happy-End, dann gnade dir der Rezensionsgott – das geht ja mal gar nicht! Gibt es ein Recht auf ein Happy-End?

 

Der Fantasy-Autor hingegen, ja der…!

Hat es dabei bedeutend einfacher. Macht sich die Welt, wie es ihm gefällt, und wenn es so herum nicht funktioniert, dann geht es eben in die andere Richtung weiter, oder man macht einfach eine komplette Kehrtwendung. Wer weiß schon, wie diese oder jene Fantasy-Fantasie beschaffen ist! Der Protagonist darf hässlich wie die Nacht sein, das stört hier niemanden, macht der alles mit irgendwelchen Superskills wett. Frauen sind komplett verzichtbar, was vielen männlichen Autoren auch gut in den Kram passt, da sie sowieso niemals dahinter steigen werden, was eine Frau tut, kann, braucht, denkt oder will.

Die Namen müssen kein bisschen gefällig sein. Noch besser: Man darf sie frei erfinden. Oder einen Fantasy-Namen-Generator bemühen. Da kommen dann so hochgeniale Sachen für weibliche Zwerge und neutrale Nekromanten raus, da bist du platt. Ganz abgesehen davon, dass jeder Mutant oder Alien locker einen Namen haben kann, der nur aus Konsonanten besteht. Geil. Aber schon schwieriger als die simplen, eingängigen Alliterationen in den Liebesschmonzetten.

Das Cover darf grottenschlecht sein, total düster, rettungslos überladen oder schlichtweg geklaut, denn wer will beweisen, dass es in der XY-Welt so aussieht oder eben nicht? Wenigstens muss man nicht die blue sky-Strandhafer-Herzchen-Abziehbilder aus der Frauenabteilung nehmen. Die sehen ja auch alle gleich aus.

 

Liebesromane sind so schrecklich banal. Was muss in einem romantischen Plot schon passieren? Ein paar Missverständnisse, ein, zwei Dates. Essen gehen, ein wenig Unschlüssigkeit beiderseits, dann Sex, Sex, Sex, fertig, and they lived happily ever after. Ganz abgesehen davon, dass man faktisch nur drei Personen braucht: Held(in), Loveinterest, Sidekick. Und zehn Seiten verwendet man auf die Beschreibung von Klamotten, Wohnungen und uninteressanten persönlichen Befindlichkeiten, das hilft ja schon mal weiter.

 

Fantasy hingegen!  Allein der korrekt ausgeführte Weltenbau erfordert schon mehr Grips, als eine Romance-Schreiberin sich überhaupt vorstellen kann. Und dann: Schlachten! Kampfszenen! Eine Unzahl von Mitwirkenden um einen Helden, der so viel bedenken muss, dass Shakespeare glatt blass geworden wäre. Um solche Plots am Laufen zu halten, muss man schon viel Erfahrung und eine Menge strategisches, analytisches Denken haben. Und Grips.

 

Liebesroman: Die Berufe und Lebensumstände der Protagonistinnen dürfen flach bis unbedeutend sein. Ja, sie sollen es sogar, denn die gemeine Leserin muss sich ja schließlich identifizieren können. Der Kerl allerdings darf durchaus ordentlich Kohle haben, denn welche Frau träumt nicht davon, einen überarbeiteten Mega-CEO (sic!) oder den furchtbar bösen, aber im Grunde seines Herzens schokotrüffelweichen bad boy (gern mit Bike, immer tätowiert, zwingend mit Fallakte) in ihr Bett zu locken und ihn zu heilen, indem sie ihn für mindestens zehn Minuten von seinem Mobiltelefon weglockt und seine Aufmerksamkeit auf sich bündelt wie einen Laserstrahl in dunkler Nacht… bis er sich rasant verliebt. Als Romance-Autorin folgt man einfach einer Art Multiple-Choice-Verfahren, schreibt die Lücken voll und fertig, 280 Seiten, zack, Manuskript abschicken, KU, 99 Cent, Erfolgsgarantie.

 

Dagegen ist das Erschaffen einer adäquaten Fantasywelt ein viel größeres Päckchen. Um was man sich da alles Gedanken machen muss: Infrastruktur. Wetter. Politische Konstellationen. Kommunalwesen. Physik, Chemie! Eine eigene Sprache, Schrift, Wertesystem… Unendliche Weiten. Ein breitgefächtertes Wissenspektrum ist unabdingbar, weshalb erfolgreiche Fantasyautoren oftmals männlichen Geschlechts sind.

Ganz zu schweigen vom Ziel: In der Phantastik geht es meist um nichts weniger, als die Welt zu retten. Mindestens aber ein Königreich. Aussterbende Arten. Oder wenigstens, den Sinn des Ganzen. Dystopisch gesehen. In einer Lovestory geht's nur um: Zwei mehr oder weniger nachvollziehbare Charaktere in den heiligen Stand der Ehe zu überführen. Oder wenigstens ins Bett.

 

Die emotional gesteuerten LiebesromanschreiberInnen brauchen sich im Grunde nur zu überlegen: Wer kriegt wen wie wo und wann auf welche Weise, und wie schmücken wir die Jagd auf den potentiellen Partner mit banalen Alltagsdingen so aus, dass es ein Buch füllt?

(Die Möglichkeiten sind endlos:  Es könnten Unfälle sein. Oder Zufälle. Ein plötzlich zugewiesener Mitbewohner. Zugeschlagene Türen. Reißende Einkaufstüten. Vergessene Portemonnaies. Entlaufene Haustiere. Chronische Klammheit (nur bei Frauen). Verlorene Jobs, verpasste Flüge, in Verlust geratene Urlaubstickets – wie gesagt, endlos.) Frauen sind auch so trottelig, das macht es doch leicht! Und dann braucht man nur noch eine günstige Gelegenheit … und ein paar mehr oder minder misslungene Dates anzudeuten, schon ist die Sache geritzt und der Deal im Kasten. Wenn alles richtig gelaufen ist, befindet man sich dann auch schon auf Seite 250 und man kann aufhören mit dem Buch. Und am besten direkt das nächste anfangen.  Klappe, Treffer, versenkt.

Deshalb ist es auch vollkommen nachvollziehbar, dass der durchschnittliche Fantasy-Autor deutlich länger für sein Buch braucht als die durchschnittliche Liebesromanzen-Autoren. Es soll Romance-Schreiberinnen geben, die weniger als ein halbes Jahr für den Roman benötigen! Da legt der Fantasy-Kenner gerade erst den ersten Entwurf seiner Landkarte zur Seite.

 

Fantasy ist so einfach nicht!  Aber umso schöner: Man darf sich richtig austoben, darf Prologe, Epiloge, Pläne, Besetzungslisten einstreuen, so viel man mag. Es wird einem nicht nur jeder verzeihen; im Gegenteil: Fantasyfans lieben das.

Logiklücken? Ach, merkt eh keiner. Und wenn, ist es ein Kunstgriff des Autors. Wer soll schon beurteilen, ob Engel, Dämonen, Teufel, Aliens (oder Zwerge oder Nekromantinnen) in der realen Welt wirklich so reagieren würden. Das weiß nur der geniale Autor!

 

Kleiner Tipp noch: Serien, Reihen und offene Enden sind was für Fantasy-Autoren. Die blicken da durch, die wissen, dass es irgendwo noch weitergeht – hinter diesen Welten.  Serien/Reihen in Liebesdingen brauchen einfach pro Buch nur einen anderen Namen für das potentiell glückliche Paar. Oder eine andere Stadt. Etwa San Francisco statt New York. Womit auch klar sein dürfte, dass Leser von Fantasy viel mehr in der Birne haben als Leserinnen von Liebesromanzen, die mit so viel Komplexität ja gar nichts anfangen können. So ein Liebesroman ist eben denkbar einfach gestrickt: 1 + 1 = 2 eben, das lernt man schon in den ersten Tagen der ersten Klasse. 1 + 1 + 1 = 3 übrigens auch. Das schafft sogar das Leseverständnis einer Frau.

 

Ich bin sicher, dass die Fantasy-Cracks auf ihren Spuren von Tolkien, Martin etc. das alles schon im Blick haben, bevor sie die erste Zeile schreiben und sich uns deshalb so angenehm überlegen fühlen.

 

 

 

 

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