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How to speak Polizei

Tut mir leid.

Tut mir leid.

Tut mir leid.

Manchmal kommt man ums Klugscheißen einfach nicht herum.

Wie einige von euch wissen, vertreibe ich mir die Zeit unter anderem damit, Krimis zu lektorieren. 

Es geht dabei schwerpunktmäßig um die Authentizität im Hinblick auf juristische Dinge und Polizeiarbeit, nicht nur in Deutschland, denn – jahaa! – "Auslandserfahrung vorhanden".

 

Telefonat nach Probelektorat, gestern: Die Autorin versteht nicht, warum da so viel am Rand steht - beinahe mehr als im Text.

Ich frage, welche Erfahrungen sie bislang mit, bei, durch die (in diesem Fall Kölner) Polizei gemacht hat. Antwort: Ich habe mal eine Anzeige erstattet.

Gut. Und sonst? 

Antwort: Ich liebe ... (hier bitte einsetzen: beliebige Krimiserie) und habe alles von ... (hier einsetzen: beliebiger Autor) gelesen.

Super. Und sonst? Zur Vorbereitung des Manuskript, das vor uns beiden liegt und uns mit den vielen Korrekturen hämisch ins Gesicht grinst?

Antwort: Ich habe bei der Pressestelle nachgefragt und auch jemanden angerufen.

Oh, gut. Und, wieso steht dann davon hier nichts?

Antwort: Äh, die durften nicht so viel Auskunft geben.

Hm. Und jetzt? 

Antwort: Ich bin in verschiedenen Recherchegruppen. 

Ah. Was gelernt?

Antwort: Ja, klar. Zum Beispiel... (jetzt kommt der Versuch des Beweises, dass ich mit meinen Randbemerkungen in ihrem Manuskript falsch liege, und zwar: "Weil." Im Film würde jetzt wieder solche dramatische Musik kommen, so eine Art scccccrrrratch.)

 

Aus dem Lektorat ist dann nichts geworden. Die Autorin ist angepisst, meinetwegen, und ich habe einen Nachmittag in den Sand gesetzt, für nix (übrigens: wirklich "nix", denn Probelektorate sind Probelektorate, ohne Berechnung. Sollte ich mal ändern.)

 

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass man als Autor einfach nur bei der Polizeidienststelle seiner Wahl vorbeischaut, die magischen Worte "ich schreibe gerade einen Krimi/Thriller" spricht und umgehend umfassend unentgeltlich fachlich korrekte Auskunft bekommt. Und zwar über alles.

Das ist nicht der Fall. 

 

Nun muss in einem unterhaltenden Buch natürlich nicht alles der Wahrheit entsprechen. Man kann als Autor seine Fantasie auch dahingehend spielen lassen, dass man eigene Abläufe, besondere Lebensläufe, geniale Fähigkeiten (nur bitte nicht schon wieder das "fotografische Gedächtnis", was neuerdings jeder 2. Ermittler hat. Neben dem unverzichtbaren Rebellen-Gen, natürlich), fiktive Orte, fiktive Dienststellen, fiktive Einheiten, neue Ermittlungsmethoden erschafft. Manchmal ist das sogar die bessere Wahl. 

Wenn man allerdings Dinge 1:1 darstellt (reale Orte verwendet, Dienstgrade nennt, polizeiliche Tätigkeiten beschreibt, interne Abläufe nachvollziehen will, Begriffe aus der echten Welt verwendet) - auch "authentisch schreiben" genannt -, dann müssen diese Dinge stimmen. 

Natürlich wird den meisten Lesern nicht auffallen, dass man mit knapp 30 in Deutschland noch kein Morddezernat leiten kann. Die wenigsten Leser werden merken, dass es nicht überall ein abrufbereites SE-Kommando gibt. Kaum einem wird bewusst sein, dass in Kleinstädten normalerweise keine fünf Streifen vorhanden sind, noch nicht mal Samstagnachts. Wieso nicht? Schließlich glauben die Leser auch, BDSM wäre das, was Christian Grey da treibt. 

 

Aber es gibt Menschen, die wissen sowas. Das sind dann die, die die Hände vors Gesicht schlagen und sich fragen, welcher naive Depp denn das nur geschrieben hat. Sind übrigens die gleichen, die merken, dass beim Tatort viel Mist gemacht wird. Um nur mal über die Öffentlich-Rechtlichen zu jammern. Von den anderen wollen wir gar nicht...egal.

Tipp: In den USA sind die Rechtslage, die Klassifizierung von Straftaten, das Justizsystem, die Ermittlungsmethoden, die rechtlichen Möglichkeiten und der Ausbildungsstand der Cops (und fast alles andere auch) anders als in Deutschland. 

Ich kann nur rudimentär verstehen, warum jemand über etwas schreibt, dass er nicht kennt. Das er nicht am eigenen Leib erlebt hat. Es entzieht sich meinem Begriffsvermögen, warum jemand ein Setting dort ansiedelt, wo er sich nicht auskennt. Bei Krimis, die in Deutschland spielen, ist es schon super schwer, alles richtig zu machen. Bei Krimis, die im Ausland spielen... Wenn mein Held in den USA / in Paris / Wien / Hongkong / im Libanon ermitteln muss, ohne dezidiert zu wissen, wie dort gearbeitet wird, wird es zu Fehlern kommen.

    Manche schaffen das mit den unbekannten Settings sogar, ohne jemals in diesem Land, in dieser Stadt gewesen zu sein. 

 Erstaunlich.

Ja, Fantasie ist eine tolle Sache, gesunder Menschenverstand aber auch. Und das Internet macht vieles möglich. Sich Dinge zu erlesen und sie zu erleben, ist wie High Heels und Sneakers: nicht vergleichbar. Merkt man spätestes beim Tragen, pardon, schreiben.

Das ist dann in der Regel der Moment, wo man sich Hilfe holt. 

 

Zurück zur Informationsbeschaffung. Wie kommt jemand, der nicht bei der Polizei ist, an realitätstaugliche Infos für sein Buch? 

Er guckt Krimis.

Liest einschlägige Literatur.

Informiert sich zur Not auf YouTube.

Manche glauben dann, das entspräche alles den Tatsachen. Manche glauben dann, sie seien gut informiert. 

In vielen Fällen stimmt das ja auch. Viele Autoren geben sich jede erdenkliche Mühe, recherchieren wie die Teufel und wissen, wo die Grenzen sind. Top-Autoren haben häufig einschlägige Erfahrungen, einschlägige Freunde und professionelle Berater. Bestimmt haben sie Rechtsanwälte und begnadete Lektoren :-) 

Aber für solche Leute ist dieser Text hier nicht gedacht.

 

Es gibt wirklich gute Recherche-Gruppen im Netz. Dort sind für jeden Scheiß Fachleute zu finden, egal, ob es um Physik, Bergbau oder die Berechnung einer Dosis Narkotika geht. Auch Juristen und Polizeibeamte gibt es dort,, die auf jede Frage unter diesem Himmel vernünftige Antwort geben können. Und dazu noch die, die keine Fachleute sind, aber trotzdem eine Menge Wissen besitzen.

 

Und die, die auf die entsprechende Frage stereotyp antworten: "och, ruf doch mal die Pressestelle an! Die können dir das doch sagen!"

 

Pressestelle, Polizei, größeres Präsidium, Hessen. KHK'in McGary am Apparat. Guten Tag, was kann ich für Sie tun?

"Ähm, guten Tag. Ich schreibe einen Krimi und hätte gern mal gewusst, ob Sie mir ein paar Fragen beantworten können?"

"Aber gern, welche denn?" Ich rechne mit irgendetwas zu Dienstzeiten, Ausbildung, Fortbildung, Dienstgrade, welche Autos wir fahren, welche Bewaffnung wir haben (und welche nicht), welche Farbe die Uniform wo hat, was für Dezernate im Haus sind und was man als PK/OK/HK verdient (all diese Dinge kann man problemlos ergoogeln, zumindest, wenn man nicht allzu tief einsteigen will). Oder gern auch was zu Promillewerten im Allgemeinen (für das "Besondere" zu diesem Thema bitte den Kollegen anrufen, der Ihren Fall sachbearbeitet!).

    Weit gefehlt. 

"Wie gehen Sie denn vor, wenn ein Mord/Sprengstoffanschlag/eine Schießerei in einer Bank passiert?"

   "Ähm, das hängt von der Lage ab. In der Regel arbeiten wir das nach den entsprechenden Vorschriften und Richtlinien ab." 

"Ah, interessant. Und die wären?

   Ich möchte antworten mit "Polizeifachhandbuch, Band 1-6, plus Erlasse und sieben Millionen andere Vorschriften, die sich jährlich erweitern." Ich sage: "Bitte schauen Sie sich doch die entsprechenden Gesetzestexte an."

"Okay, kein Problem, wenn Sie das grade nicht wissen. Nehmen Sie auch mal jemanden mit auf Streife? So zum Gucken?"

   Klar.  Juristen in der Ausbildung zum Beispiel. Am Ende ihrer Ausbildung. Oder den neuen Staatsanwalt, der nach drei Jahren Dresden mal sehen will, wie es hier bei uns zugeht. Oder jemanden mit einem richtigen Presseausweis, aber nur in besonderen Ausnahmefällen, und nur präventiv. Sind/haben Sie das eine oder andere? Siehste.

"Wann kann ich denn bei Ihnen mal dem Erkennungsdienst über die Schulter gucken?"

Äh, gar nicht. Oder vielleicht doch: beim nächsten Tag der offenen Tür. Ist allerdings dann kein Echtbetrieb. Logisch, oder? 

"Ach, schade. Ich dachte, die Polizei legt Wert auf Echtheit. Neulich stand in der Zeitung, dass Sie den Tatort immer kritisieren."

Die Polizei legt sogar allergrößten Wert auf Echtheit. Und kritisiert auch gern mal, was im TV so verbraten wird. Mehr noch aber wundern wir uns, lachen auch mal, und schalten dann kopfschüttelnd um. 

Mit Menschen, die Bücher schreiben (oder sagen, dass sie das wollen), hat wahrscheinlich jede Polizeidienststelle ihre einschlägigen Erfahrungen.

 

Die Pressestelle (egal jetzt, ob Polizei, Feuerwehr, Uniklinikum, Bundeswehr, Landtag, Bundestag oder die der Staatsanwaltschaft) ist nicht dazu da, Ihnen die Recherchearbeit abzunehmen. Alles, was man wissen möchte, kann man mit etwas Mühe selbst herausfinden. Allerdings muss man sich mitunter durch ziemlich viel Material ackern, und das dann obendrein auch noch richtig interpretieren. 

Recherche ist nicht ganz einfach. Man muss wissen, was man sucht und wie man am besten sucht. Viele scheitern anscheinend schon an den Suchmaschinen: sie können suchen, was sie wollen, und finden: NIX! Ganz heißer Tipp: Keywords checken. Und in der Sprache des Landes suchen, wo du etwas finden willst. 

 

Falls Sie mich jetzt wegen Geheimnisverrates direkt beim Polizeipräsidenten und dem Innenminister anlappen wollen: Das sind keine Geheimnisse. Deshalb können Sie das auch alles selbst herausfinden, ohne die armen Leute bei den Referaten für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Schwulitäten zu bringen. Vielleicht ruft nach Ihnen nämlich wirklich jemand an, der eine Berechtigung zur Auskunft hat, aber wir kichern immer noch, und dann heißt es wieder, die Polizei sei scheiße. Ja, ich weiß schon, dass Sie mein Gehalt zahlen. Danke dafür.

 

Sie sind doch Autor. Sie haben Fantasie! Biegen Sie's zurecht, aber so, dass es noch passt. Und wenn man etwas mal wirklich gar nicht einschätzen kann, dann tut man vielleicht gut daran, darüber kein Wort zu verlieren. 

 

Es kann aber durchaus sein, dass Sie in meinem Kollegenkreis einen kompetenten Ansprechpartner finden, der Ihnen von Nutzen sein kann. 

Es gibt Autoren, die haben die besten Tipps von echten Polizeibeamten erhalten. Mit Sicherheit gibt es auch Freundschaften und Familienbande, die da weiterhelfen. Es kann sein, dass die Polizei bei Ihnen besonders bürgerfreundlich ist. Es ist denkbar, dass Sie auf einen pensionierten Kollegen oder aktiven Rebellen treffen, der enorm auskunftsfreudig ist oder mit seinem Dienstherrn noch eine Rechnung offen hat. Oder einfach in Ihr Buch will. Oder auf Vorschriften pfeift. Alles ist möglich. 

 

Wahrscheinlicher ist aber, dass man Ihnen nur in geringem Umfang Auskunft erteilt. 

Die Rechtslage hat sich, auch durch die erforderliche EU-Konformität, in den letzten Jahren gewandelt. Bestimmte Vorfälle verändern die Welt, auch in kleinen Orten. In letzter Zeit gab es mehrere Verfahren gegen Polizeibeamte, die im privaten Rahmen Auskunft erteilt haben, ohne dazu befugt zu sein. Die Strafen waren mehr als empfindlich. 

Es ist eher nicht (mehr) möglich, sich bei der örtlichen Polizei die Grundbegriffe der Spurensicherung beibringen zu lassen, sich über Tatortarbeit zu informieren oder Interna zu erfragen. Nix "Polizei und Helfer", sorry. 

Wir leben in neuen Zeiten. Und da das schon in Deutschland nicht geht: In anderen Ländern geht es erst recht nicht, es sei denn, Sie bewerben sich erfolgreich um eine Hospitation. 

 

Ich bin ein ganz großer Fan von "Selber-Denken" und finde sogar, dass man den Manuskripten anmerkt, ob jemand eigenes oder fremdes Wissen zum Besten gibt. Wenn Sie nicht weiterkommen: Sie dürfen mich fragen. Ich lektoriere auch gern Ihren Text, wenn ich Zeit habe, aber machen Sie sich darauf gefasst, dass es Unstimmigkeiten gibt. Nach fast drei Jahrzehnten bei der Polizei,  S und K, glaube ich, die eine oder andere Frage beantworten zu können.  Ob ich das tue, hängt davon ab, ob ich nicht gegen irgendwelche Vorschriften verstoße. 

 

Die Polizei wird Ihnen gern erschöpfend Auskunft geben bei allem, was sich um die Sicherheit Ihres Hauses, Verkehrssicherheit, persönliche Sicherheit und um jede Form der Nachwuchsgewinnung dreht. Falls Ihr Name auf international bekannten Bestsellern (okay, Spiegel-Liste reicht sicher auch)  zu finden ist, wird man Ihnen bestimmt gern Zeit im Rahmen einer offiziellen Anfrage widmen. 

Kleiner Tipp noch: Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen. Oder sehen. Im Fernsehen zum Beispiel. Besonders, wenn es "halbdokumentarisch" ist. Oder aus den USA kommt. Schlimmere Folgen als CSI mit seinen Blutspurenpuzzles in jeder Variation hat hierzulande nur ein bestimmter Ex-Ministerpräsident bei den hessischen Kollegen verursacht (das war ein Insider-Joke, sorry).  Und größeren Irrtümern als bei polizeitaktischer und -interner und -technischer Ermittlungsarbeit, kann der arme Leser wirklich nur noch in gerichtsmedizinischen Zusammenhängen aufsitzen. 

  

Aber ich frage mich ja auch, warum manchen Menschen der Horror nicht blutrünstig genug sein kann. Wie langweilig ist deren Leben denn? 

In ein paar Jahren bin ich pensioniert und werde meine Tage mit Nähen (vormittags) und schreiben (nachmittags) verbringen. Vielleicht auch umgekehrt. Zwischendurch geh ich mit den Hunden spazieren (vermutlich werden es andere sein als heute, es sei denn, jemand erfindet was, damit Beagle 25 werden), weil ich beim Hundegassi am besten nachdenken kann. Garantiert werde ich nie, nie, nie einen Krimi schreiben. Tote aller Art und grauenhafte Schicksale habe ich bis dahin wirklich genug gesehen. 

Habe ich jetzt schon. 

 

 

Als nächstes stricke ich euch eine Liste mit den gängigsten Abkürzungen. Denn, im Ernst: die Behörden sind die Könige der Abkürzungen und Akronyme. Und in einem Buch, das nicht wie Fantasy in Bergisch-Gladbach oder Polizei-Sartire aussehen soll, spricht der Kommissarskollege am besten so wie in echt. Authentisch halt. Macht auch dem Lektor Spaß - vorausgesetzt, die Begriffe werden korrekt verwendet. Eine Liste mit den häufigsten Irrtümern gibt es schon: weiter unten in diesem Blog.

 

Die Wikipedia-Seite "Polizeiliches Handeln" gibt eine Basis für eigene Überlegungen vor.

Die Bonner Internetseite polizeiabkuerzungen.de  wird vielen Autoren weiterhelfen können. Achtung: Manches gilt nicht überall, und die Fehlerquote steigt ins Unendliche, wenn in einem Ostfriesland-Krimi Akronyme genannt werden, die es nur in Berlin gibt! Okay, merkt wahrscheinlich eh keiner. Bis auf den Berliner POK, der auf Spiekeroog urlaubt und genau den Krimi dort findet. Beim Drüberlesen habe ich zusammen mit meiner Dienstgruppe festgestellt, dass etwa ein Drittel in Hessen keine Verwendung findet. Merke: Selber denken :-)

 

©MeganMcGary2019

 

 

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