BeuH 4 - Werde, der du bist

 „Werde, der du bist!“

Mit diesem Zitat – großflächig, gefällig diagonal beklebte Busse - wirbt bei uns im Landkreis gerade die Waldorfschule.

Nietzsche! Auf Bussen!

Hm.

Werde, der du bist.  Ich stehe im nieseligen Märzregen an der Bushaltestelle und sinniere, rekapituliere das letzte Wochenende, während meine Schuhe langsam die Farbe und den Geruch nassen Hundefells annehmen, weil die vorbeifahrenden Autos ein Ideechen zu dicht am Rinnstein entlangpreschen.

 

Samstagnachmittag. In einer Hundeschulklasse mit Beagle habe es die anderen Hunde schwer. Nicht nur, weil die Hundeschullehrerin dem Klassenkameraden mit den langen Ohren mehr Aufmerksamkeit widmen muss (er würde sonst einfach hinausspazieren, oder die Pausenbrote der anderen fressen).

 

Beagle zu erziehen, ist Hochbegabtenförderung.

Sie kennen doch sicher diese Kinder, die ständig in Bewegung sind, sich auf nichts konzentrieren können, denen furchtbar schnell langweilig wird, aber die mit wachen Augen alles kommentieren, was um sie herum geschieht? Der hat doch ganz klar ne Macke, sagen die Leute, und: wie halten Sie das bloß aus (mitleidiger Blick), wenn der Beagle herumwuselt wie ein Trüffelschwein auf Speed. Dabei hat der bloß schon verstanden, wofür die anderen eben fünfzehn Minuten länger brauchen.

 

 „Kennzeichen einer Hochbegabung sind Auffälligkeiten im motorischen, visuellen und/oder auditiven Bereich“ lese ich im World Wide Web. Die beispielhaft genannten Auffälligkeiten kann ich bestätigen. Dazu später mehr.

Hochbegabte schlafen wenig und wollen alles gleichzeitig machen. Wer je gesehen hat, wie der Beagle seinen Plastiknapf und den Sockenball gleichzeitig in der Schnauze durch die Wohnung bugsiert, wird wohl wissen, was ich meine.

 

Auch die Kopfnoten im Zeugnis entsprechen nicht dem, was man sich als Erziehungsberechtigte so vorstellt. Für Beaglehalter sind klärende Gespräche vorprogrammiert. Sie haben die Extraportion Trouble quasi mitgekauft. Beagle sind daher ideal für Leute, denen der Schwung im Leben fehlt. Der Pep. Ihnen kann man nicht im Laufen die Schuhe besohlen?  Schach spielen und Chinesisch lernen sind keine akzeptable Alternative mehr?

Beagle sind äußerst lernwillig. Allerdings gewichten sie die zu beackernden Themen geringfügig anders als Sie. Das kommt daher, weil der Beagle viel strukturierter denkt. Der macht sich keine Gedanken, ob das Leckerli zu viel Fett, zu viele Kohlenhydrate und allgemein zu viele Kalorien enthält! Der denkt einfach nur daran, sein Überleben zu sichern.

Wir haben uns mit unserem Hund für eine gemischtrassige Gruppe entschieden, just for fun, mal gucken, was der Hund so drauf hat. Und der Mensch.

 

Beagle versteht ungefähr 150 Worte, die meisten davon bezeichnen etwas Fressbares. „Nein“ versteht ein Beagle nicht. Wahrscheinlich zu wenig komplex.

Der Beagle selektiert. „Können Sie die nicht von der Leine lassen?“ quakt es von links hinten (Paar mit Französischer Bulldogge), während wir auf dem Weg zum Platz sind, „hören die nicht?“  Die blasierte Schadenfreude ist, besonders bei ihr, deutlich zu erkennen. „Doch, doch“ rufe ich heiter über das vielstimmige Hecheln der Hunde hinweg, „die hören perfekt!“

Themenbezogen, halt.

Erste Kontaktaufnahme. Ihr Beagle rastert nicht erst alle ab (ist der Hund zu groß, zu gefährlich, zu gut erzogen,  oder: Ist das Herrchen einfach doof), nee, er rennt einfach hin und begrüßt. Völlig unrassistisch, paritätisch geradezu, ein Hund wie die UNO.

 

Gehässiges Getuschel in der zweiten Reihe, Blondine mit Weimaraner. Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich um das Amt des Klassendeppen.

Don’t worry! Be happy! Seien Sie doch bitte glücklich: Mit dem Beagle haben Sie einen Hund, der weiß, worauf es ankommt. Der Prioritäten setzen kann. Der schon im Embryonalzustand weiß, was wirklich zählt. All die Aufmerksamkeit, die Sie bekommen: unbezahlbar. Ständig werden Sie angesprochen. (In ungefähr 89% der Fälle zwar ausgesprochen dumm, aber: egal! „Oh Gott, der Hund ist zu dick! Oh Gott, ist das etwa ein Laborhund? Oh-mein-Gott-ein Cockerspaniel (alternativ: Basset)!“ Oder, Achtung, Klassiker: Haben Sie noch andere Hobbies? Sind das Geschwister? Verkaufen Sie die? (Klar, jetzt, hier, auf der Stelle. Aber nur gegen Cash.)

 

Im Hunde-Bootcamp geht es allmählich zur Sache. Die ersten beiden Lektionen absolvieren wir dank großzügigem Leckerlie-Input nicht bravourös, aber doch relativ unauffällig. Nach einer Runde freiem Spiel (Waldorfschule!!) kommt die Königsdisziplin: Rückruf. Die Menschen stellen sich an Position A auf. Die Hunde an Position B, zwölf Meter weit weg, akribisch dort platziert vom Trainingsstab bzw. der Hundeschulleitung.

 

Da sitzen sie dann, der streberhafte Malinois, der stromlinienförmige Weimaraner, die beiden Goldies, der French, der coole Großpudel, sogar der wie verrückt kläffende Terrier. Ein orangeroter Mix, der mit seinen schiefen Ohren aussieht wie Meister Yoda, ist auch dabei. Er hört übrigens auf den Namen Richard. Alle äugen erwartungsvoll in Richtung Herrchen/Frauchen.

Der Beagle schnüffelt ungerührt am rechten Gummistiefel (Aigle Parcours, forestgreen) der Co-Trainerin. Die beiden Frauen tauschen einen betroffen wirkenden Blick. Ich denke darüber nach, ob (und wie)  ich mich unauffällig zurückziehen kann.

Der Schäferhund mit dem lustigen getupften Nickituch um den Hals wirft sich nach drei Komma sechs Sekunden unaufgefordert vor seinem Herrchen in den Staub.

(Nein, es gibt ja gar keinen Staub auf dem Platz, nur quietschfrühlingsgrünen Rasen. Die Staub-Assoziation kommt sicher daher, weil ich mir vorkomme wie auf einem anderen Planeten: es gibt Hunde, die bei Fuß gehen.

Ohne Leine.

 

Die viebeinigen Mitschüler tun es dem Vorzeigeathleten mehr oder minder gleich.

Mein Beagle hat das Interesse verloren. Statt absprachegemäß nach vorn, in Frauchens Arme, zu sausen, damit sie ihn lobe in den höchsten Tönen und mit albernen Begriffen wie „feiiiin“ und „guuuut“, wendet er sich ab. Und dem Zaun zu, denn da ist ein Mäuseloch in der Wiese.

Hier wohnt jemand! Mein Beagle, die personifizierte, gattungsübergreifende Sozialkompetenz, die pure Freundlichkeit in dreifarbigem Hundefell, macht einen Besuch. Die Trainerin zerrt mit angespannter Mimik an der Leine. Den Beagle ficht das nicht an. Von Multitasking hält mein Hund nichts: entweder laufen oder gucken.

 

Zwei Meter Richtung Süden ist quasi die Trabantenstadt der hiesigen Mäusesiedlung: alles voller Löcher! Die Beaglenase rotiert über der Mäusekolonie, nebst deren Vorgarten, Swimmingpool und einem Weizenkeimdepot. Mein Hund ist ganz aus dem Häuschen wegen der Mäuschen, legt den Kopf schief, die dicken Ohren fallen allerliebst über die Augen, der Hund besteht nur noch aus Nase und Lauschern. Die einzigen anderen Tiere, die ihre Ohren so multifunktional bewegen können, sind Elefanten. Mein (mit den Ohren über dem Gesicht etwas dämlich aussehender) Beagle hört die Nager unter der Erde trippeln und flüstern und piepsen; belauscht ihre Pläne, fraglos, um sie für sich auszunutzen, und hofft, dass eines sich baldigst an die Erdoberfläche verirrt, direkt in seine Schnute.

 

Deshalb sind Beaglebesitzer Schleppleinen-Fans. Wir können ganz anders! Im Moment steht Ihr Beagle auf der Wiese und schnuppert an einem Grashalm hoch und runter, um sich dann mit großer Seelenruhe dem benachbarten Grashalm zuzuwenden und die gleiche Prozedur zu absolvieren. Sie sind in fünf Minuten fünfzig Zentimeter weitergekommen. Und, oh!, da ist  ja noch ein Grashalm! Also das Ganze von vorn. Währenddessen stehen Sie sich die Beine in den Bauch, egal ob die Sonne knallt, ob es regnet oder schneit (wobei bei letzterem allerdings die Grashalme dezimiert sind, aber der Beagle ist ja flexibel, nimmt er eben Äste. Oder Steine. Mist. Verwesende Wirbelkörper eines vor Urzeiten an Altersschwäche verendeten Waschbären. Was eben gerade da ist.)

Aber dann! Irgendwo im tiefen Wald, Luftlinie geschätzt: zwohundertfünfzig Meter, bewegt ein Reh in seinem Nachmittagsschlummer (gemütliches Fichtendickicht!)  sein linkes Ohr.

 

Der Beagle erstarrt. Die durch die Kopfbewegung des Wildes entstehenden Moleküle schweben mäandernd ins entzückende schwarze Gumminäschen. Ihr Beagle schaltet augenblicklich um. Wie eine NASA-Rakete, ein hochtechnisierter Raumflugkörper, der in den zweiten Schubmodus geht, schaltet der Hund den Turbo ein.

 Jetzt sehen Sie mal zu, dass sie hinterherkommen! Der Beagle fördert ihre Reaktionsfähigkeit. Sie laufen nicht bräsig hinter einem gemütlichen Labrador hinterher, gelangweilt auf dem Smartphone tippend womöglich, sondern sind ähnlich einem limitierten Supersportwagen von 0 auf 100 in 3,1 Sekunden. Sie sind schnittig und sportlich und jeder Herausforderung gewachsen, und man sieht das den Beagle-Leuten auch an! Der Beagle fördert ihren Geist nachhaltiger als tausend Runden Sudoku: Sie müssen vorausdenken, Sie müssen um die Ecke denken, Sie sind das Hochleistungsfrauchen. Das hält jung!

Werde, der du bist.

 

Mein Hund versteht nicht nur Worte. Er versteht sogar Blicke.

Wenn ich ihn auf eine bestimmte Art ansehe, ist ihm sofort sonnenklar, dass er sich in die letzte Ecke unseres Garten zu verpissen hat, am besten dort wo die wilden Himbeeren eine dichte Laube gebildet haben, so dass man nur unter großem persönlichen Einsatz und in Schutzkleidung (am besten der eines Crossmotorradfahrers, inclusive Helm) den Hund dort hinauskomplimentieren kann. Der nonverbale Inhalt unserer visuellen Kommunikation sagt: duschen, Freundchen.

 

Weiterhin kann mein Hund an dem, was ich anziehe, erkennen, wohin die Reise geht.

Greife ich nach einer bestimmten Tasche weiß er: aha, Arbeit. Und trollt sich beleidigt in sein Körbchen, wo er auf Viscoschaum gebettet vor sich hinschmollt, bis genug Geld verdient ist und die Abtrünnige wieder nach Hause zurückkehrt, um den armen Hund zu bespaßen. Vorzugsweise draußen, versteht sich.

 

Mache ich mich ausgehfein (mein Mann und ich haben ein selten genutztes Theaterabonnement, aber wir kriegen es alle 14 Tage hin, miteinander essen zu gehen in ein Restaurant mit Tischdecken und so, um gesellschaftstechnisch nicht völlig die Hunde zu gehen.  Ab und zu besuche ich mit meiner besten Freundin eine Cocktailbar, wo wir Tequila Sunrise und Sex on the Beach trinken, bis wir kichernd unterm Tisch liegen. Bei den Gesprächsthemen dreht sich übrigens meist alles um Hunde) weiß er: hochspringen, vorzugsweise mit dreckigen Pfoten, ist angesagt. Ich bin da völlig wehrlos.

 

Rausgeflogen (aus der Hundeschule) sind wir übrigens, weil der gutgläubige Besitzer des Pudel-Mitschülers die Käsesahnetorte zum Geburtstag der Vereinsvorsitzenden auf einem stinknormalen Biertisch abgestellt hat. Das Viertelchen halb angefressene Stachelbeer-Baiser fiel dann kaum noch ins Gewicht. Wahrscheinlich, weil auf der Käsesahne die Kerzen waren, sechs Stück, eine für jedes Lebensjahrzehnt.

 

Brauch ich nicht. Ich sag ja: Beagle halten jung.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0