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Undercover mit Inge K.

 

 „Meike!“, plärrt meine Schwiegermutter ins Telefon, „Meike!! Was hast du denn jetzt schon wieder verbockt!“ Gerade komme ins Büro zurück, checke mein Smartphone, und zehn Sekunden später kreischt es in mein Ohr, dass mir ganz seltsam zumute wird. Holy shit!

Ich möchte vorausschicken, dass ich neben anderen in meiner Stellenbeschreibung enthaltenen Aufgaben ab und an Pressearbeit bei einer großen Behörde mache und somit gelegentlich in der Zeitung und/oder im Fernsehen namentlich Erwähnung finde. Manchen gefällt das nicht, aber mir selbst ja auch nicht immer. Aufgrund des Tonfalls meiner Schwiegermutter vermute ich eine Feuersbrunst / einen Wasserschaden / Unfälle / Kindesentführung / entlaufenen Hund/ medizinischen Notfall und bekomme es mit der Angst zu tun. Es dauert eine Weile, bis ich bei den hochhysterischen Wellen der Aufregung durchsteige.
Meine liebe Anverwandte ist normalerweise eine nervenstarke Frau, noch gar nicht mal so alt, in dritter Ehe verheiratet, vierfache Mutter, 2. Vorsitzende in einem Verein und Aufruhr gewohnt. Besonders – also, im Zusammenhang mit dieser Geschichte – zeichnet sie aus, dass sie sich mit Namen und Anschrift als Zustellungsbevollmächtige für meinen Internetauftritt zur Verfügung gestellt hat, da ich Bücher schreibe und dafür zwei Pseudonyme verwende, was legitim ist, allerdings benötigt man einen echten Menschen dazu und eine echte Adresse und muss beides im Impressum nennen. Damit sind meine Schwiegermutter und ich mehrere Jahre lang gut gefahren.
Bis ungefähr vorgestern. Erwähnenswert wäre noch, dass ich
  • - am 31.12.2018 eine Facebook-Seite „freigeschaltet“ habe (d.h., diese Seite gibt es schon länger, ist aber erst seit Silvester für den Rest der Welt sichtbar)
  • - unter meinem prickelpritzelneuen Pseudonym noch nie irgendwo in Erscheinung getreten bin
  • - gern mal Sachen schreibe, die manchem, der sich davon anscheinend angesprochen fühlt, nicht so gut gefallen
  • - gleich am 1. Januar jemand trotz der endlosen Weiten der Social Media was Derartiges von mir gefunden, und vor allem: geteilt hat.
Ausgerechnet in einem Autorenforum. Einem für Selbstverleger.
Dann passierte offenbar Folgendes: Jemand fühlt sich umgehend auf den Schlips getreten, äußert sich (abwertend, logo) dazu und tut, was man bei Facebook anscheinend immer tut: es teilen. Der langen Rede kurzer Sinn: innerhalb von 48 Stunden gab es in diesem Forum irre viele Kommentare, die ich zu 90 % nicht lesen konnte, weil ich dort nicht angemeldet bin (war ich mal, ist aber eine andere Geschichte, die auch wieder nur zu Naserümpfen bei den Beteiligten führen würde). Besorgte LeserInnen machten sich die Mühe, mir auf der FB-Seite (und in unfreundlichen, erstaunlich ausführlichen E-Mails, gerne mit pseudokumpelhaften Unterton, Zitaten, Kopien und sogar einigen Screenshots - letztere vielleicht, um mich zu bewegen, mitzuhetzen) mitzuteilen, was da los ist. Ende vom Lied: 45 Kommentare zu dem Artikel auf meiner brandneuen FB-Seite, ca. 43 davon negativ.
Seufz. Ach, was da für Klagen kommen. Auswahl gefällig? Gern.
- Man kenne mich nicht (herrje, wie auch! Glaubt nun jemand, dass ich jetzt umgehend das bisherige Pseudonym verrate? Ähm, nö).
- Ich käme unsympathisch rüber (ach du liebe Zeit. Warum sollte ich gemocht werden müssen? Im Vergleich dazu, was los war, als ich vor drei Jahren über die Züchter einer bestimmten Hunderasse geschrieben habe, ist das gar nichts. Oder, als ich über EL James und Christian Grey fabulierte. Also, das könnte ich ja eigentlich nochmal hervorholen …)
- Der Ton sei unverschämt, arrogant und überheblich (Der Ton ist nichts anderes als knapp, und das war auch die Intention dahinter. So ist das bei dieser Art Schreiben. Nur, weil es sich sonst keiner traut, heißt das nicht, dass man es grundsätzlich nicht darf. Ob man es tun sollte ... okay, nächster Punkt:)
- Ich würde mir und allen meinen zukünftigen Werken schaden. (Tja, dann ist das so. Reich werden kann man mit dieser Nebenbeschäftigung ohnehin nicht. Werden 90 % aller anderen Schreibenden auch nicht. Meine Hauptbeschäftigung wird immer klare und offene Worte beinhalten, zudem darf ich dort Leute nach Herzenslust belehren und verdiene ausreichend Geld.)
- Die „Liste“ entspräche nicht der Realität (die LISTE, Leute, ist meine persönliche, völlig subjektive Ansicht und behandelt meine – meine! – Vorlieben, den Kauf von Büchern betreffend. Es handelt sich nicht um ein in Stein gemeißeltes Regelwerk. Ich bin kein Literaturstatistiker, wenn auch mit dem Markt leidlich vertraut.
- Es fehle der Mehrwert. (*stöhn*. Das ist eine Facebook-Notiz. Kein Lehrbuch, kein Podcast oder nach Klicks bezahlter Blog, wo jeder Spaßvogel im Vorüberlesen was für sich mitnimmt.) Außerdem habe ich einen ziemlichen Mehrwert davon, nämlich im Sinne einer interessanten Lernerfahrung unter Berücksichtigung diverser psychologischer Effekte.
- Der Mega-Fehler, der Supergau: In dem Text sind zwei Rechtschreibfehler. OBWOHL ich unter Punkt soundso genau das so bösartig anprangere! Tja, liebe LeserInnen: Shit happens. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und lebe mehrere Wochen im Jahr im Ausland. Graphik schreibt man anderswo auf der Welt mit ph (an alle Erbsenzähler: ja, dann auch mit c.) Ich bitte höflichst um Entschuldigung. Für meine Bücher (=für Dinge, die andere Leute GELD kosten) bezahle ich einen Lektor.
Fazit: Der Artikel wurde bislang fast viertausendmal angeklickt. Für den Anfang nicht schlecht
Ach so, Moment, was war jetzt noch mit der Schwiegermutter…? Tja, da ist mir natürlich ein übler Schnitzer unterlaufen. Bei der Wahl des Pseudonym-Impressums kam mir nicht in den Sinn, dass die Gute selbstverständlich im Telefonbuch steht (bei uns auf dem Land ist das noch so). An Tag 2 des Facebook-Desasters machten sich wildfremde Menschen die Mühe, dort anzurufen. Nach mir fragte niemand, weil alle davon ausgingen, dass es sich bei Megan McGary um Ingelore K., eine nicht auf den Mund gefallene Frau von 66 Jahren, handelt.
Ich wohne dort nicht. Bevor die selbsternannten Profiler und investigativ Interessierten nun erneut das Wühlen anfangen: Diese Vorgehensweise ist legitim. Meine beiden Pseudonyme haben ausschließlich berufliche Gründe, da ich im öffentlichen Dienst in nicht völlig untergeordneter Position arbeite (die Angaben in meiner Vita stimmen grundsätzlich, bis auf – tja, bis auf den Namen). Ich schreibe keine Pornos und keine expliziten Gewaltszenen, bin politisch absolut unauffällig und verunglimpfe weder Nachbarn noch Minderheiten. In dieser Hinsicht ist bei mir also nichts zu holen.
Mein (Klar-)Name unterscheidet sich erheblich von dem meiner armen Schwiegermama. Dritte Ehe, schon vergessen? Bei mir ist es die zweite, by the way. Mein zweiter Vorname ist nicht Gabriele, und meine Oma ist tatsächlich mit einem angelsächsischen Namen auf die Welt gekommen. Es gibt also genug Namenvermischpotential.
Das Ding mit der Schwiegermama hat mir zu denken gegeben. Daher mein ausdrücklicher Rat an alle, die zum satirischen Schreiben neigen (so, aufgemerkt, dass ist jetzt der langvermisste MEHRWERT): Schreibt niemals, niemals, niemals einen Verwandten in euer Impressum.
Und: wenn schon Satire, Ironie, Glosse, Kolumne – also, alles, was auch nur im Mindesten dazu geeignet wäre, irgendwem auf den Zehen herumzutrampeln –: Weist rechtzeitig darauf hin. Mit Rotstift, der klemmt ja sowieso bei jedem Zweiten hier immer griffbereit hinterm Ohr. Schreibt einen Warnhinweis. Etwas wie: “Achtung, persönliche, nicht repräsentative, unpopuläre Ansicht einer Schreiberin, von der noch kein Mensch je gehört hat und die deshalb selbstverständlich alles haben kann, nur bitte ja keine Ahnung von irgendwas”.
Bitte kein Mitleid: Die meisten Texte (ganz abgesehen von den Ideen dazu) entstehen während meiner regulären Arbeitszeit, ohne mich dafür vor irgendeinem Vorgesetzten rechtfertigen zu müssen, so dass ich mich nicht in meiner knappen Freizeit damit auseinandersetzen muss. Cool, oder?
Noch mehr Wert kommt in Kürze. Zur Auswahl:
  • Die zehn überflüssigsten Pseudo-Gequatsche-Begriffe
  • Zwanzig Wörter, die in einem guten Buch nichts zu suchen haben
  • 20 Begriffe, die in meinen Büchern nie-nie-niemals auftauchen werden
  • 12 Dinge, die Krimi-Neulinge beachten sollten
Und unbedingt: 25 wichtige Tipps, wie man als Neuling mit englischsprachigem Pseudonym bei Facebook auf keinen Fall in Erscheinung treten darf, zumindest, wenn es nach der Ansicht von anderen Selbst-/Kleinverlegern geht, die sich in den Selbstüberschätztengrüppchen bei Facebook gegenseitig die Taschen vollmachen, auch wenn sie selbst nicht gerade die hellsten Sterne am literarischen Firmament sind, obwohl es gerade im Selfpublishing echte Perlen gibt.
Es liegt mir absolut fern, eure Leistung zu schmälern oder eure Arbeit zu kritisieren: Jeder, wie er kann und möchte. Ich erhoffe mir von allen die Größe, das auch mir zuzubilligen.
Und nicht mehr bei Inge K. anzurufen.

 

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